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„Deepwater“: Top kill, junk kill, no kill

Fünf Versuche, die Ölflut im Golf von Mexiko zu stoppen, sind gescheitert. Und jetzt droht eine Hurrikan-Saison, die weitere Arbeiten massiv erschweren kann.

Die Ölflut aus der Macondo-Bohrung im Golf von Mexiko, die nach Explosion, Brand und Untergang des Bohrschiffs „Deepwater Horizon" mit elf Todesopfern am 23. April dieses Jahres zu sprudeln begann, wird endgültig wohl erst im August völlig zum Erliegen gebracht werden können. Denn dann soll die am 4. Mai begonnene Entlastungsbohrung die Macondo-Sonde treffen; durch Einpumpen von schwerem Bohrschlamm soll der Öl- und Gasaustritt gestoppt werden.

Das ist das „Zorn erregende und herzzerreißende Ergebnis", wie es US-Präsident Barack Obama formulierte, des fünften fehlgeschlagenen Versuchs, den Ölaustritt zu beenden. „Top Kill" lautete die erfolglose Variante, bei der BP versucht hat, das Bohrloch in 1.500 Metern Tiefe mit Schlamm sowie Gummiresten und Faserabfällen zu verschließen und mit Zement zu versiegeln. Der sechste Versuch ist ähnlich gewagt und damit, was den Erfolg angeht, ungewiss. BP will das Steigrohr zur Quelle am Meeresgrund absägen und auf die Öffnung eine Kuppel stülpen, mit der das ausströmende Öl und Gas aufgefangen und zu einem Schiff an der Meeresoberfläche geleitet werden soll. Ein erster Anlauf musste Mitte vergangener Woche wegen einer eingeklemmten Säge abgebrochen werden. Ohnehin ist der Haken bei der Sache: Selbst wenn die Aktion am Ende erfolgreich sein sollte, kann auf diese Weise der Ölaustritt nur eingedämmt, nicht aber völlig gestoppt werden. Und wenn es schief geht, fließt noch viel mehr Öl ungehindert ins Meer, zumindest zeitweise.

Ein weiteres Problem bereitet den Krisenkämpfern großes Kopfzerbrechen. Die Hurrikan-Saison steht vor der Tür, nach Einschätzung der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOA) dürfte sie in diesem Jahr wieder besonders heftig ausfallen. Die Arbeiten am Bohrloch dürften dann nur sehr schwer durchzuführen sein. Der erste schlimme Tropensturm ist bereits über Mittelamerika hinweggefegt und hat für schwere Verwüstungen mit vielen Toten vor allem in Guatemala gesorgt.

Doch was für Optionen hat BP eigentlich noch, den Ölfluss endlich zu stoppen? Matthew Simmons, Gründer der EnergieInvestmentbank Simmons & Company und Energieberater des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush, glaubt tatsächlich, die möglicherweise einzige Option sei, eine Mini-Atombombe am Meeresboden oder sogar noch tiefer in der Bohrung zu zünden. In der Sowjetunion soll diese Methode in den 1960er Jahren zum Löschen von in Brand geratenen Bohrungen angewendet worden sein.

„Regulate, Baby, regulate"

BP-Chef Tony Hayward kann die Ohnmacht seines Unternehmens in diesem Kampf nicht mehr verhehlen. „Es stimmt ohne Zweifel, dass wir nicht die Werkzeuge hatten, die in einen Werkzeugkasten gehören", sagte er der „Financial Times". Deshalb wird auch in der amerikanischen Bevölkerung, die grundsätzlich von der Notwendigkeit der Erschließung eigener Öl- und Gasvorkommen überzeugt ist, der Zorn auf den britischen Ölmulti, aber auch auf die eigenen überforderten staatlichen Stellen immer größer. In New Orleans forderten Demonstranten die Regierung auf: „Regulate, Baby, regulate!" Eine Umfrage des Senders CBS von Ende April zeigt, dass 45 Prozent der Befragten unzufrieden damit waren, wie die Behörden auf das „Deepwater Horizon"-Unglück und seine Folgen reagiert haben. 70 Prozent kritisieren BPs Krisenmanagement.

Teuer wird das „Deepwater"-Desaster für den Ölmulti in jedem Fall. Auf fast 40 Milliarden US-Dollar könnten sich die Kosten für die Aufräumarbeiten und Schadensersatzprozesse belaufen, sagen Schätzungen heute; in einer Zeit, in der der Ölkonzern bisher schon über 70 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren hat.

Was die langfristigen Folgen für die Umwelt betrifft, so sind diese noch gar nicht abzusehen. Während Umweltschützer vorhersagen, die Natur werde Jahrzehnte brauchen, sich zu erholen, sind andere Experten hoffnungsvoller. Sie verweisen auf die Katastrophe bei der Ixtoc 1-Bohrung vor etwa 30 Jahren im mexikanischen Teil des Golfs von Mexiko, bei der in knapp zehn Monaten rund 950 Millionen Liter ins Meer gelangt sind und wo der Ölaustritt ebenfalls erst durch eine Entlastungsbohrung gestoppt werden konnte. Damals haben Studien ergeben, dass große Teile des Öls verdunstet seien, sich im warmen Wasser gelöst hätten oder auf den Meeresboden sanken und dass sich das marine Leben überraschend schnell erholt habe. Allerdings: Hinter den Studien standen die staatliche Ölgesellschaft Pemex und die Regierung.

Washington hat inzwischen auf den öffentlichen Aufruhr reagiert. 33 Bohrungen in großen Meerestiefen wurden von der Bundesregierung gestoppt, dazu hat Präsident Obama das Moratorium für neue Bohrungen im Golf von Mexiko und vor den Küsten Alaskas um sechs Monate verlängert sowie die geplante Versteigerung neuer Schürfrechte vor Virginia und im westlichen Golf von Mexiko gestrichen. Außerdem wurde beschlossen, die Aufsichtsbehörde Minerals Management Service (MMS), deren Chefin Elisabeth Birnbaum zurückgetreten ist, umzuorganisieren. Anstatt einer Behörde, die sowohl für die Berechnung der Förderabgaben als auch die Überwachung der Sicherheits- und Umweltbestimmungen zuständig ist, soll es künftig zwei getrennte Behörden geben, um Interessenkonflikte zu vermeiden. Außerdem wird eine dem Präsidenten direkt unterstellte Kommission das „Deepwater Horizon"-Desaster untersuchen und Vorschläge für Bestimmungen machen, wie sich ein solches Desaster künftig vermeiden lässt.

Die Ölindustrie in den USA muss sich also auf strengere Regeln einstellen, auf längere Genehmigungs- und Prüfverfahren und damit auch auf höhere Kosten. Bernstein Research hat jetzt errechnet, dass durch das Moratorium und neue strengere Regeln die Kosten für die Ölförderung in riefen Gewässern um 10 Prozent steigen werden. Barclays Capital fürchtet, dass sich dann kleinere Unternehmen die Öl- und Gaserschließung im Golf von Mexiko nicht mehr leisten können oder wollen. Ähnliches könnte auch in anderen Offshore-Regionen geschehen, denn auch anderswo in der Welt denken die Regierungen über strengere Regeln für die Suche nach und die Förderung von Öl und Gas nach. Es könne schwieriger werden, den Ölbedarf der Welt zu decken, warnt der ehemalige Chevron-Chef David O"Reilly bereits.

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