Ohne Öl und Gas geht es nicht. Was die Erneuerbaren angeht, bedarf es für BP-Chefvolkswirt Christoph Rühl noch Technologiesprünge, bis diese wirtschaftlich sind.
EID: Wo sehen Sie die größten Risiken für die Weltenergieversorgung?
Rühl: Solange die Weltenergieversorgung zum größten Teil auf fossilen Energieträgern basiert - die Zahlen sind klar: Dies wird noch für eine ganze Weile der Fall sein -, bestehen die größten Risiken (a) im Klimawandel, (b) in geopolitischen Katastrophen und (c) in protektionistischen Tendenzen, und zwar sowohl von Exporteuren als auch Importeuren, die durch das Errichten hoher Zugangsbarrieren das Potenzial haben, zu Unterinvestitionen beizutragen.
EID: Sind einigermaßen robuste Aussagen über den künftigen Ölpreispfad möglich?
Rühl: Es kommt darauf an, wie der Ökonom immer sagt, wie weit in die Zukunft geschaut werden soll. Für die nächste Zeit, vielleicht die nächsten ein, zwei Jahre, ist der Preis relativ festgelegt, vermutlich in Nachbarschaft dessen, was wir heute sehen, seit die OPEC letztes Jahr die Produktion gekürzt hat. Die bestehenden Reservekapazitäten sind in wenigen Ländern konzentriert, und die OPEC scheint in der Lage, die Situation zu kontrollieren.
Aber der hohe Preis zeigt auch Auswirkungen auf die Nachfrage, deren Zuwachsraten in den Öl importierenden Ländern sich sehr stark verlangsamen. Dies, zusammen mit steigender Produktionskapazität, bedeutet, dass mittelfristig der Preis durchaus wieder unter Druck geraten kann - auch wenn ich glaube, ein Verfall wie in den neunziger Jahren wird uns wohl kaum ins Haus stehen. Dazu ist mit der enormen wirtschaftlichen Entwicklung der Schwellenländer die Nachfrage zu hoch.
EID: Drohen in der globalen Ölversorgung auf absehbare Zeit Kapazitätsengpässe?
Rühl: Wenn es keine der oben angesprochenen Unterbrechungen gibt, kaum. Im Rückblick war die Investitionstätigkeit in den neunziger Jahren zu niedrig - kaum jemand hat das schwunghafte globale Wirtschaftswachstum dieses Millenniums richtig vorausgesehen. Dennoch wurde die Welt mit Öl beliefert - es gab keine Lieferengpässe, obwohl natürlich die Preise anzogen, als die Gefahr von Engpässen besonders groß war, das heißt vor allem in den Jahren 2004 bis Mitte 2006. Seitdem ist es eher die OPEC, die die Produktionshöhe bestimmt - aber durch Produktionskürzungen selbst freie Produktionskapazitäten aufbaut.
EID: Geraten die privaten Ölgesellschaften gegenüber staatlichen Unternehmen ins Hintertreffen?
Rühl: Der Wettbewerb wird sicherlich schwieriger. In Zeiten hoher Ölpreise können auch nicht so effiziente Ölgesellschaften mit Gewinn produzieren, zumal das Öl der großen Staatsgesellschaften oft relativ leicht zu fördern ist. Viele dieser Staatsgesellschaften haben daher keinerlei Anreiz, private Investoren ins Land zu holen und über 80 Prozent der weltweiten Reserven werden heute von staatlichen Ölgesellschaften kontrolliert. Das bedeutet, dass sich die privaten Ölgesellschaften wieder mehr auf Projekte konzentrieren müssen, zu denen Zugang möglich und technisches Know-how wichtig sind.
EID: Ist die Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien in Sicht?
Rühl: Leider nicht, jedenfalls nicht in unmittelbarer Zukunft. Gegenwärtig braucht es Technologiesprünge in nahezu allen Bereichen - ob Solarstrom oder Biokraftstoffe, und nicht nur bei den erneuerbaren Energien, sondern auch bei Vorhaben, besser mit den Schadstoffen der existierenden, fossilen Energieträger umzugehen, wie zum Beispiel der angestrebten Trennung von Wasser- und Kohlenstoffen. Es wird an all diesen Projekten gearbeitet, zum Teil getrieben durch die hohen Preise für fossile Energieträger, aber leider geht es nur stückweise voran. Der Fortschritt ist hier - leider - noch ein bisschen eine Schnecke.
EID: Sind CO 2-freie Kohlekraftwerke schon 2020 eine realistische Option auf breiter Basis?
Rühl: Auf wirklich breiter Basis wahrscheinlich nicht unbedingt, aber zumindest aus dem Versuchsstadium könnten sie dann heraus sein. Es wird hoffentlich der Tag kommen, an dem unsere Geologen nicht nur Öl- oder Gasvorräte aufspüren, sondern dann auch die besten Reservoirs, um CO2 dauerhaft wieder in der Erde zu lagern.
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 08/08 vom 18. Februar 2008 Seite 6
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