Wie weit reichen die Ölvorräte und wann kommt das Ende? Mit dieser Frage wollen sich erfahrene Ölgeologen nicht befassen. Sie haben einen anderen Indikator ausgemacht: den Gipfel der weltweiten Ölförderkapazität. Er wird zur Krise. Und diese ist nah.
Der Höhepunkt der Förderung von konventionellem Erdöl wird in den Jahren 2005 bis 2015, spätestens bis 2020, eingetreten sein. Darüber sind sich Experten aller Richtungen einig. In gewissem Sinne ist er damit "da". Der Gipfel der Ölförderkapazität wird nämlich zur Krise, sofern nicht Substitute bereitgestellt werden für die bislang aus Erdöl destillierten flüssigen Kohlenwasserstoffe; und sofern die Nachfrage aus dem Straßen- und Flugverkehr sowie aus der Petrochemie ungebrochen weiter steigt. Für beide Maßnahmen, die verhindern können, dass aus dem Gipfel die Krise wird, braucht es Zeit - in der Größenordnung von mindestens 15 Jahren. 2020 minus 15 macht 2005: In diesem Sinne ist die Erdölknappheit heute "da".
Der Mensch des Industriezeitalters verbraucht jährlich etwa so viel Öl, wie erdgeschichtlich in 1 Mio. Jahren gebildet wurde. Das "Ende des Ölzeitalters" ist damit so sicher wie das Amen in der Kirche. Dennoch kommt immer die Botschaft rüber, wir bräuchten uns um die "Reichweite des Öls" nicht zu sorgen. Warum? Die Antwort ist: Das (falsche) Bewusstsein folgt den Begriffen.
Damit die Grundlage unserer industriellen Lebensweise uns nicht überraschend abhanden kommt, hat man Wachen aufgestellt, die geologischen Ämter. Betraut in Deutschland ist die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). Die Ämter schätzen die voraussichtlich noch förderbaren Ölmengen und kondensieren ihre Aussage in dem ressourcenpolitisch üblichen Indikator: die "Reichweite der (Öl-)Reserven" eben.
Der Reichweiteindikator weist zwei Besonderheiten auf. Erstens: Die "Reserven" stellen nur einen Teil der "voraussichtlich noch förderbaren Ölmengen" dar. Zweitens: Der Indikator "Reichweite" ist der Quotient von Reserven und gegenwärtigem Verbrauch (=Förderung) - die "Reserven" werden als Integral der einfachst denkbaren Figur vorgestellt: als Rechteck.
Ergebnis ist ein Wert in der Größenordnung von 40 Jahren, und das seit mehr als 40 Jahren. Das Objekt der Observation bewegt sich nicht. Die Bewegungslosigkeit aber ist keine Eigenschaft der Wirklichkeit, sie ist vielmehr konstruktiv bedingt. Unter "Ölreserven" versteht man gemeinhin die Gesamtheit dessen, was man in Zukunft "wohl" noch wird fördern können. Bei dem Versuch der Eliminierung des Wörtchens "wohl" in dieser Definition haben Wissenschaft und Wirtschaft dem Wort "Reserven" eine andere Bedeutung gegeben. Reserven im professionellen Sinne sind "sicher gewinnbare Vorräte". Was man sich gemeinhin unter "Reserven" vorstellt, ist am ehesten getroffen durch die Summe dessen, was in professioneller Terminologie der Ölgeologen "Reserven" und "Ressourcen" sind.
Damit, ergibt sich die Beziehung von Schein und Wirklichkeit wie folgt: Während der letzten 40 Jahre schmolzen die Reserven im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs ab. Die Grafik (...) macht das deutlich: Die Schätzungen der insgesamt förderbaren Ölmengen (Ölvorräte) während, der letzten 40 Jahre wiesen nur eine geringe Aufstiegstendenz auf, jedenfalls eine geringere als die der kumulierten Förderung - also ging die Differenz, die Schätzung dessen, was noch zu fördern sein wird, zurück. Doch rutschte immer Nachschub aus den "noch zu findenden Ressourcen" in die sicheren "Reserven" und sorgte so für die Stabilität der Reichweite letzterer - bei 40 Jahren. Daher der Schein der Bewegungslosigkeit.
Die Grafik zeigt weiter, dass die Schätzungen der Ölvorräte eine extreme Breite aufweisen: zwischen 2000 Gb und 3000 Gb. (1Gb: 1 Gigabarrel, 1 Mrd. Barrel). Angesichts dieses Befunds liegt es nahe zu versuchen, den Reservezahlen der einen Quelle (Ämter) angeblich "richtigere" Zahlen entgegenzustellen. Doch wer so vorzugehen versucht, macht sich auf einen Holzweg. Bei den "wohl noch förderbaren Reserven" sind wir in einer "interessenverseuchten" Situation, und deshalb sind dazu nur schwer oder überhaupt keine vertrauenswürdigen Zahlen zu erhalten.
Aus dem Dilemma gibt es einen Ausweg. Den haben pensionierte Erdölgeologen entdeckt. Sie haben sich organisiert in der Association for the Study of Peak Oil (ASPO). Ihr Name ist Programm.
Ihre These: Das Ende ist bereits da! Ihr Ämter seht das nicht, weil Ihr auf einen untauglichen Indikator starrt! Sie haben naiv gefragt: Ist der ressourcenpolitisch etablierte Indikator "Reichweite der Reserven" wirklich geeignet, wenn wir nach dem Ende des Ölzeitalters Ausschau halten wollen? Ihre Antwort war: Nein! Wir sollten statt dessen nach dem Gipfelpunkt möglicher Förderung Ausschau halten. Und bei Öl geht das auch.
Die Gestalt der Kurve der Förderung von Öl aus einem Ölfeld ist technisch unausweichlich, sie ist Folge der Viskosität von Erdöl und der mit der Förderrate sich ändernden Druckverhältnisse. Der Anstieg ist steil, der Abstieg ist flacher - die Fläche unter dem Anstiegsteil ist kleiner als die unter dem Abstiegsteil. Der Gipfelpunkt tritt somit ein, weit bevor die Hälfte des förderbaren Öls gefördert ist. Die Überzeugung der Ölgeologen ist, dass die Ölförderung auf der Erde insgesamt keine andere Gestalt haben kann als die eines einzelnen Ölfeldes. Also erwarten sie auch in der erdweit sich einstellenden Kurve, in' der "Umhüllenden", einen "Peak". Den haben sie gefunden.
Auch davon, dass der Peak nahe bevorsteht, waren sie von Anfang an überzeugt. Die Erde ist schließlich inzwischen abgesucht, folglich neigt sich die Phase der Entdeckungen neuer Funde dem Ende zu. Die Statistik offenbart deren Zenit bereits in den 1960er Jahren.
Hinter der Berechnung des Peak stehen eine ausgefeilte Methodik, Werkzeuge der Mathematik zur Beschreibung von Populationsdynamiken und eine lange fachliche Geschichte. ASPOs Ergebnis, auf Basis einer Schätzung der Ölvorräte in Höhe von 2000 Gb, ist das Jahr 2005. Die deutsche BGR schätzt die Vorräte ebenfalls auf rund 2000 Gb. Der polare Wert von rund 3000 Gb, der der Grafik zu entnehmen ist, ist die Position des US Geological Survey (USGS).
Die Pointe des ASPO-Ansatzes ist, dass auf die Antwort auf die Frage "Wer hat recht?" verzichtet werden kann. Möglich macht das eine mathematische Eigenschaft des Peak-Indikators. Selbst bei wesentlich unterschiedlichen Einschätzungen der Menge, die wohl noch förderbar sein wird, ändert sich die Lage des Gipfels auf der Zeitachse nur marginal. Rechnet man die US-Angaben (3000 Gb) in den Peak-Indikator um, so wird dessen Lage nur bis zum Jahre 2020 hinausgeschoben. Das aber bedeutet immer noch "Alarm!". Das Ende ist nahe - zweifelsfrei.
HANS-JOCHEN LUHMANN
Dr. Luhmann ist Projektleiter Grundsatzfragen am Wuppertal-Institut
Quelle: VDI nachrichten, Düsseldorf, 22.10.04, Nr. 43, Seite 9
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