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EID-Kraftstoff-Forum: Biofuels haben ihre Berechtigung, so der grundsätzliche Tenor
Während die Rufe nach einem Moratorium bei der Produktion von Biofuels lauter werden, sind sie für die Hersteller der einzige Weg zur C02-Vermeidung im Verkehrssektor.
eid E10, also das "Bio"-Benzin mit einem 10prozentigen Anteil von Ethanol, ist schon aus dem Verkehr gezogen worden, jetzt deutet sich an, dass es auch bei Diesel mit 7 Prozent Bioanteil - dem so genannten B7 - zu technischen Ausfällen bei den Fahrzeugen kommen kann. Das jedenfalls sagte Walter Geier, Leiter der Abteilung Tank- und Kühlsysteme beim TÜV Süd, gerade erst in einem Zeitungs-Interview. Ganz im Gegensatz dazu versprach VDA-Mann Jakob Seiler auf dem 1. EID-Kraftstoff-Forum Mitte April in Hamburg (...): "Wir sagen, B7 funktioniert in all unseren Fahrzeugen. Dafür bestehen wir aber auf der Einhaltung der Ölwechselintervalle und den Abschluss der fast fertigen Norm."
Was denn nun, fragen sich wieder einmal alle. Vor allem in der Politik müssten die Alarmglocken schrillen, geriete bei einem Aus nun auch noch für B7 die Biokraftstoffpolitik der Bundesregierung doch noch stärker ins Wanken (...).
Widerstand gegen Biofuels in Europa nimmt zu
Über diese technischen Probleme hinaus entwickelt sich in Europa ein immer heftigerer Widerstand gegen Biokraftstoffe. Anders als Bundeskanzlerin Angela Merkel (...) rückt die Regierung Luxemburgs vom Ziel der EU ab, den Treibstoffverbrauch bis 2020 zu 10 Prozent durch Biosprit zu decken. Auch Großbritanniens Premierminister Gordon Brown forderte eine Denkpause beim Ausbau pflanzlicher Kraftstoffe. Browns Energieminister Malcom Wicks erklärte, dass die EU-Ziele noch einmal überdacht werden müssten wegen der steigenden Besorgnis, dass sie zu Nahrungsmittelknappheiten beitragen.
Massive Kritik kommt zudem aus immer mehr Entwicklungsländern. Der Präsident Perus, Alan Garcia, sagte, die Umstellung der Landwirtschaft von Lebensmitteln auf Biosprit komme einem "Selbstmord" der Menschheit gleich. Boliviens Staatschef Evo Morales kritisierte es als "unerklärlich", dass Ackerland für den Betrieb von Luxuslimousinen statt für den Nahrungsmittelanbau verwendet werde. Beide Länder wollen auf eine Begrenzung der Biospritproduktion drängen.
In der Tat, das EU-Ziel eines 10prozentigen Biospritanteils am Gesamtverbrauch im Jahr 2020 ist ebenso in Gefahr wie der Plan der USA, 36 Milliarden Gallonen erneuerbarer Energie - zumeist Mais für Ethanol - für ihren Energieverbrauch im Jahr 2022 bereitzustellen. Noch werden in Europa die beschlossenen Beimischungsquoten zu herkömmlichem Kraftstoff nicht infrage gestellt, zumindest nicht besonders laut. Bundeskanzlerin Merkel unterstrich bei ihrer Bestätigung des EU-Ziels von 10 Prozent Biofuel noch einmal: "Die Gewinnung von Treibstoff aus Mais oder Raps ist nicht der entscheidende Grund für die gegenwärtigen Probleme. "
Indes teilen nicht alle in Merkels Kabinett diese Position. Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) verlangt vor dem Hintergrund der Nahrungsmittelverknappung sogar ein Moratorium für den Anbau bestimmter Pflanzen für die Kraftstoffproduktion. Das hatte vorher schon Joachim von Braun, Leiter des International Food Policy Research Institute in Washington, gefordert: "Ein Moratorium würde in sechs Monaten 50 bis 60 Millionen Tonnen mehr Getreide bedeuten und zur Entspannung beitragen. "
Auch Merkels Parteifreund und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Peter Harry Carstensen fragt nach dem (Un)Sinn von Biokraftstoff: "Manche denken, bloß weil der Sprit ... die Vorsilbe "Bio" trägt, sei das eine gute Sache. Ich halte das für eine falsche Entwicklung."
Moratorium Gefahr für höhere Ölpreise?
Es gibt aber noch einen anderen Aspekt, der in der gegenwärtigen Debatte berücksichtigt werden sollte: Biokraftstoffe tragen aktuell 1,3 Prozent zum Kraftstoffangebot der Welt bei, ein bescheidener Anteil, der aber wachsen soll. Sollte dieser Beitrag verloren gehen, würde die Öl-Versorgungslage noch knapper ausfallen mit dem Ergebnis weiterer Preissteigerungen. Eine schwierige Situation für die Politiker: Sie riskieren, verdammt zu werden, wenn sie die Biokraftstoffe unterstützen und ebenso, falls sie es nicht tun.
Dazu kommt, dass die Biokraftstoffpläne in Europa und den USA den Markt verzerren und in manchen Fällen die Ziele sabotieren, die die Gesetzgeber damit erreichen wollten. In den Vereinigten Staaten haben beispielsweise die Produzenten von Biodiesel etwa die Hälfte ihrer Erzeugung von knapp 1,9 Milliarden Liter nach Europa exportiert. In den USA war infolge des Anstiegs der Preise für Sojaöl der Absatz von Biodiesel unattraktiv geworden, während hohe Dieselpreise in Europa amerikanische Biodieselexporteure lockten. In Europa beschwerten sich daraufhin die Biodieselproduzenten über Importe aus Amerika, weil diese mit einer Steuererleichterung von 1 US-Dollar je Gallone subventioniert sind. Biodieselproduzenten auf beiden Seiten errege sich über den so genannten Splash an Dash-Trick. Biodiesel aus Brasilien oder Malaysia wird dabei zu einem amerikanischen Hafen verschifft, wo der Importeur schon mit der geringsten Zugabe mineralischen Diesels die Subvention kassiert und das Erzeugnis nach Europa exportiert.
"Es ist gut, Alternativen zum Mineralöl zu haben"
Bei aller Kritik: Dass die Biokraftstoffe angesichts der hohen Klimaanforderungen und der Tatsache, dass fossile Rohstoffe wie Öl und Gas nicht unendlich zur Verfügung stehen, ihre Berechtigung haben, findet allenthalben grundsätzliche Zustimmung. Bei der Frage, fossil oder bio, gebe es kein gut oder schlecht, sondern nur richtig oder falsch, so der allgemeine Tenor auf dem EID-Kraftstoff-Forum in Hamburg.
Da Mineralöl in seiner Verfügbarkeit begrenzt ist, sei es gut, Alternativen zu haben, so Hartmut Behr, Direktor HSEQ bei TOTAL Deutschland. Vor dem Hintergrund der derzeit heiß laufenden Nachhaltigkeitsdebatte schlug er vor, die Gesamtquote für Biofuels erst einmal bei 5 Prozent einzufrieren und vor weiteren Anhebungen zunächst ein Bio-Zertifizierungsregime zu entwickeln, und zwar international harmonisiert und das am besten auf OECD-Ebene. Dass es bis zur Verabschiedung eines solchen Zertifizierungssystems noch ein weiter Weg sei, ist für ihn wie auch für MWV-Hauptgeschäftsführer Klaus Picard klar, sind es in Europa neben Deutschland derzeit doch nur noch Frankreich, die Niederlande und Großbritannien, die daran arbeiteten. Vor allem sei es wichtig, dass ein solches Zertifizierungssystem sorgfältig durchdacht und nicht "mit der heißen Nadel" gestrickt werde, damit es seinen Zweck erfülle, meinte Behr.
"Garantiert nachhaltige Biomasse nur aus Europa"
Sehr nachdrücklich trat Lutz Guderjahn, Vorstand des Bioethanolproduzenten CropEnergies, für die Biokraftstoffe ein: "Wir brauchen sie, weil sie im Verkehrsbereich praktisch die einzige Möglichkeit sind, um über eine höhere Beimischung CO2, einzusparen", sagte er auf dem EID-Forum. Und weil sie einen signifikanten Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten können, ein Aspekt, der zu seinem großen Bedauern in der derzeitigen Diskussion viel zu wenig vorkommt. Guderjahn warnte zudem davor, den Einfluss der für die Energieproduktion angebauten Pflanzen auf die Nahrungsmittelpreise zu überschätzen. Nur etwa 1,6 Prozent der Weizenproduktion seien zuletzt in die Bioethanolherstellung gegangen, er bezweifle deshalb, dass das ausreiche, die derzeitigen Preissteigerungen zu erklären.
Gleichwohl ist auch er für die Erarbeitung von Nachhaltigkeitskriterien, die dann allerdings für alle Player Gültigkeit haben müssten. Und: Garantiert nachhaltige Biokraftstoffe seien nur aus europäischer Biomasse zu erhalten. Die Rohstoffe dafür seien vorhanden. Schon heute reiche der Zucker-Überschuss in der EU dafür aus, um 5,5 Millionen m³ Bioethanol im Jahr herzustellen; 2007 waren es gerade einmal 2 Millionen m³. Insofern sei die Diskussion Teller oder Tank nicht berechtigt, "es geht sehr wohl Teller und Tank", so Guderjahn.
Ob die Flächen für einen vermehrten Anbau von "sauberer" Biomasse in Europa tatsächlich so reichhaltig verfügbar sind, darüber herrscht in der Branche Uneinigkeit. Während Friedrich Homann vom Verband die mittelständische Mineralöl- und Energiewirtschaft (MEW) auf die großen Brachflächenpotenziale in Osteuropa verwies meinte TOTAL-Mann Behr, er sehe dies Flächen nicht. In dieser Diskussion sei mit Blick auf die politischen Entscheidung träger höchste Sorgfalt geboten.
Nachhaltigkeit kein exklusives Thema für Biokraftstoffe
Wenn man der Politik erst einmal signalisiert habe, eine höhere Biomasseproduktion sei in Europa (vor allem im Osten) problemlos und sauber möglich, bestehe die Gefahr, dass nur aufgrund dieser Annahmen die Quoten, die doch eigentlich gesenkt gehören, wieder hochgesetzt werden, was dann unweigerlich in das nächste Fiasko führe, hieß es von Behr.
Dass die Frage nach der Nachhaltigkeit kein exklusives Thema der Biokraftstoff sei, sondern der Biomasse allgemein und damit auch der Landwirtschaft, darauf verwies auf dem EID-Kraftstoff-Forum Uwe Lahl, Ministerialdirektor irr Bundesumweltministerium. "Wir können die Landwirtschaft und damit auch die Nahrungsmittelproduktion hier nicht ausklammern", so Lahl, der in diesem Zusammenhang ebenfalls darauf hinwies. wie wichtig der Aufbau funktionierender Zertifizierungssysteme sei: "Mit der von uns erarbeiteten Nachhaltigkeitsverordnung haben wir auf diese Frage eine erste Antwort gefunden."
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 19/08 vom 05. Mai 2008 Seite 21

