Andre Caille: "Wir müssen drei oder vier Mal soviel tun wie bisher:"
eid Die 20. Weltenergiekonferenz in Rom stand mehr als ihre Vorgänger-Veranstaltungen im Spannungsfeld von Wachstum, Klimaschutz und immer drängenderen Finanzfragen. Der Veranstalter, der multinationale Weltenergierat (WEC/World Energy Council), hatte die Tagung unter das Motto „Die Energiezukunft in einer Welt gegenseitiger Abhängigkeit" (The energy future in an interdependent world) gestellt. Und schon der italienische Minsterpräsident Romano Prodi musste in seinem Grußwort an die 4.000 Delegierten einräumen: "Wir haben auf den Energiehunger der Welt noch keine angemessene Antwort gefunden."
2 Milliarden Menschen ohne Zugang zu moderner Energie
Die 94 Länderkomitees des WEC eint bei allen Gegensätzen die Überzeugung, dass jeder Mensch Zugang zu moderner Energie, zu Strom, Gas oder Treibstoffen haben sollte. Nur: Für ein Drittel der Weltbevölkerung, rund zwei Milliarden Menschen, ist das nur ein Traum. Sie kochen mit Holz oder noch einfacheren Brennstoffen, sie kennen keinen elektrischen Strom und transportieren ihre kargen Güter mit eigener Muskelkraft oder Zugtieren. Die gesamte Kraftwerkskapazität Afrikas ist nicht höher als die der Niederlande, beklagte Jamal Saghir von der Weltbank.
An Energieressourcen mangelt es nicht, wenn man den Vorträgen in dem zugigen neuen Messezentrum vor den Toren Roms Glauben schenken darf. ExxonMobil-Chef Rex W Tillerson zitierte die US-amerikanische Geologiebehörde mit der Erkenntnis, dass noch ein Mehrfaches der bislang verbrauchten Energierohstoffe zur Verfügung stehe, und der Chef der weltgrößten Ölfördergesellschaft Saudi Aramco, Abdallah S. Jumah, machte sich gar lustig über Kritiker, die seit den siebziger Jahren das Ende des Öl-Zeitalters ausrufen: „Es ist eben nicht leicht, die Zukunft vorherzusagen." Er rechnete dem Kongress detailliert vor, dass noch bis zu 6 Billionen Barrel Öl aus konventionellen und nichtkonventionellen Quellen wie Ölsänden und -schiefer auf ihre Förderung warten. Damit, so Jumah, sei die Versorgung für 100 bis 200 Jahre gesichert. Die gesamten Ressourcen sind drei Mal so hoch, doch nicht jedes Barrel ist auch förderbar.
Nach einer veröffentlichten brandneuen WEC-Studie wird sich der weltweite Energieverbrauch bis 2050 verdoppeln. Dabei wird die Energiearmut in der Welt nicht unbedingt abnehmen. Zwar werden mehr als eine Milliarde Menschen zusätzlich in den Genuss moderner Energie kommen, doch gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung ungefähr in gleichem Maße. Der WEC appelliert eindringlich an alle Verantwortlichen, jeden Energieträger zu nutzen, die fossilen Brennstoffe ebenso wie erneuerbare Energien und die Kernenergie. Nur so könnten die Energieerfordernisse der Zukunft bewältigt werden.
Öl, Gas und Kohle weiterhin unverzichtbar
Dabei ist den Experten klar, dass Öl, Gas und Kohle, die gegenwärtig mehr als 80 Prozent zur weltweiten Energieversorgung beitragen, auch künftig die wesentlichen Säulen der Energiewirtschaft sein werden. Das Wachstum der Nachfrage kommt aus den Schwellenländern, und hier ist vor allem Kohle der günstigste und am breitesten verfügbare Energieträger. Das Problem: Die Verbrennung von Kohle erzeugt besonders viel klimaschädliches Kohlendioxid. Die Technologie, das CO2, abzuspalten und zu lagern („clean coal") ist weit entwickelt, aber noch sehr teuer. „Es geht um hunderte von Milliarden Tonnen", sagte E.ON-Vorstand Johannes Teyssen. Er sehe nicht, dass die Schwellenländer auf mittlere Sicht diese Technologie zu heutigen Kosten anwenden könnten. Allein China baut jede Woche ein neues Kohlekraftwerk.
Den erneuerbaren Energien wünschen die meisten Energiemanager in Rom zwar alles Gute, trauen ihnen aber nicht viel zu. Keineswegs ließen sich mit Wind und Sonne die Probleme der Zukunft lösen, auch wenn diese Meinung in einigen Industrieländern weit verbreitet sei. Tatsächlich aber, so ergab eine Diskussionsrunde zu dem Thema, könnten gerade in den ärmsten Regionen dezentrale Wasser- und Solaranlagen die Not lindern. Teyssen schwärmte gar von riesigen Wasserkraft-Projekten in Afrika, die auf einen Schlag viele Probleme lösen könnten. Er fügte allerdings hinzu, dass es dafür keine Finanzierung gebe.
20 Billionen US Dollar bis 2030
Die Finanzen waren ein weiteres großes Thema auf dem Weltenergiekongress. „Wir müssen drei oder vier Mal so viel tun wie bisher", rief WEC-Präsident Andre Caille den Delegierten zu. Damit meinte er Investitionen in Bohrtürme, Förderinseln und Pipelines, Staudämme und Kraftwerke, Tanker und Lager. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) schätzt den Finanzierungsbedarf der Energiewirtschaft bis 2030 auf rund 20 Billionen US-Dollar - rund 10 Prozent mehr als vor einem Jahr, weil die Preise der Zulieferer gestiegen sind. Die ungeheure Summe ist über diesen langen Zeitraum nach Ansicht von Finanzexperten „darstellbar". Nur müssten die finanziellen, technischen, politischen und wirtschaftlichen Risiken verteilt werden, forderte Richard Paterson von PricewaterhouseCoopers (PWC). Für einzelne Unternehmen seien die Risiken schon längst zu groß. Staaten, Unternehmen und private Investoren könnten Finanzmittel in den Sektor lenken. Bislang habe die Energiebranche die modernen Finanzierungsinstrumente der Finanzwirtschaft noch kaum ausgenutzt. E.ON-Vorstand Teyssen stimmte zu: Die Phase niedriger Energiepreise habe zu einem Rückgang bei Forschung, Investitionen und Innovationen geführt.
Die hohen Ölpreise, die gerade in den Wochen vor der Konferenz in Rom noch einmal kräftig angezogen hatten, werden von den meisten Delegierten eher begrüßt als kritisiert. „Sie führen zu mehr Energieeffizienz und ermöglichen es, den enormen Investitionsbedarf zu decken", sagte Caille. Die Kehrseite: Sie machen es den armen Ländern ohne eigene Energievorkommen noch schwerer, einen Teil vom Kuchen zu bekommen. „Auch Kernenergie sollte nicht ein Privileg der reichen Länder sein", forderte die Chefin des französischen Areva-Konzerns, Anne Lauvergeon. Ihre Firma baut Kernkraftwerke.
Der Klimaschutz schließlich, so die WEC-Studie, wird voraussichtlich auf sich warten lassen. Da sich das Wachstum in den Schwellenländern nicht stoppen lasse, werde mit dem steigenden Energieverbrauch auch der CO2-Ausstoß zunehmen, und zwar bis 2020 oder 2030, je nach Szenario. Das CO2-Wachstum werde sich abschwächen, es bleibe aber ein Wachstum. Danach könnte sich der Ausstoß für einige Jahrzehnte stabilisieren, ehe er ab 2050 zu sinken beginne.
Als Pfade in die Zukunft skizzierten mehrere Redner ähnliche Ideen: Erhöhung der Effizienz, mehr Forschung und Entwicklung, mehr erneuerbare Energien und mehr Kernenergie. „Wir brauchen bessere Technologie, sonst passiert nichts", mahnte Teyssen. Auch die Nutzung möglichst aller Energiequellen wurde immer wieder gefordert. Zudem sei angesichts der Größe der Aufgaben mehr Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Staaten erforderlich. ExxonMobil-Chef Tillerson kritisierte in diesem Zusammenhang deutlich, dass sich ein neuer Energie-Nationalismus abzeichne. Manche Staaten wollten ihre Ressourcen selbst nutzen, andere von Importen unabhängig werden. Dabei, so Tillerson, könnten alle nur verlieren.
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 47/07 vom 19.November 2007 Seite 10-11
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