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Europa kann auf eigene Raffinerien nicht verzichten

Nach wie vor steht ein Benzinüberschuss einer Diesel-Knappheit gegenüber. Die Verarbeitungsindustrie hofft auf eine Energiesteuerdirektive der EU-Kommission, die die Besteuerung beider Kraftstoffe angleicht.

Die Europäische Union strebt eine Dekarbonisierung ihrer Energieversorgung an. Bis 2020 sollen erneuerbare Energien 20 Prozent des Primärenergiebedarfs decken, der bis dahin durch eine Steigerung der Energieeffizienz um mindestens ein Fünftel gesenkt werden soll. Infolgedessen und wegen neuer Motoren, die weniger fossile Kraftstoffe benötigen, der vermehrten Verwendung von Biokraftstoffen und beginnender Elektromobilität sowie durch die Substitution von Öl in der Stromerzeugung und im Wärmemarkt durch Gas und andere Energieträger wird die Nachfrage nach Raffinerieerzeugnissen bis 2030 zwar um 20 Prozent zurückgehen. Aber auch dann müssen Kraftstoffe auf Mineralölbasis immer noch 80 Prozent des Energiebedarfs des Verkehrs decken, heißt es in dem „White Paper an EU Refining“ der EUROPIA, dem Verband der europäischen Ölindustrie.

Auf den ersten Blick scheint also die Existenz einer europäischen Raffinerieindustrie gesichert, wenn auch mit abnehmender Kapazität. Bei genauerer Betrachtung der Lage der europäischen Raffinerieindustrie zeigt sich jedoch, dass die Branche vor einer Reihe wirtschaftlicher und politisch/ fiskalischer und ökologischer Probleme steht. Da ist zunächst die Diskrepanz zwischen der Zusammensetzung des Produktausstoßes der Raffinerien und der Nachfrage. Sie hat sich vor allem bei den Kraftstoffen deutlich verschoben. Während früher das Verbrauchsverhältnis zwischen Benzin und Diesel bei 2:1 gelegen hatte, lautet es heute 1:3 und wird 2030 bei 1:4 liegen. Dies ist die Folge der im Vergleich zur Benzinbesteuerung geringeren fiskalischen Belastung des Dieselkraftstoffes in den meisten europäischen Ländern, die Verbraucher sich bevorzugt dem Diesel-Pkw zuwenden lassen, und des wachsenden Güterverkehrs. Aufgrund dieser Entwicklung hat sich bei den europäischen Raffinerien ein Überschuss bei der Benzinproduktion bzw. eine Unterdeckung in der Versorgung mit Mitteldestillaten - Diesel, leichtes Heizöl, Flugkraftstoffe - eingestellt. Vergangenes Jahr mussten aus Nordamerika 4,8 Millionen und aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion 22,1 Millionen Tonnen Mitteldestillate importiert werden, während 29 Millionen Tonnen Motorenbenzin aus Europa nach Nordamerika geliefert wurden. Die Möglichkeiten, Benzin nach Nordamerika zu exportieren, schwinden jedoch. Auch dort werden fossile Energieträger von Kraftstoffen auf Biobasis ersetzt, und auch dort werden die Autos sparsamer, so dass weniger Ottokraftstoffe importiert werden müssen und europäische Benzinlieferungen nach Nordamerika bis 2020 vielleicht schon auslaufen.

Die Raffinerieindustrie hofft, dass es bei der Energiesteuerdirektive der Europäischen Kommission zu einer Aufhebung solch versteckter Subventionen für einzelne Energieträger kommt, ohne die sich in Europa Raffineriestilllegungen und eine Ausweitung der Mitteldestillatimporte kaum vermeiden werden lassen. Die Suche nach neuen Märkten für den europäischen Benzinüberschuss wird nämlich durch den Bau neuer Raffinerien und der Erweiterung bestehender Anlagen im Nahen Osten, Indien und Südostasien erschwert. Diese Werke werden zum Teil für den Export von Mineralölerzeugnissen errichtet. Ein anderer Teil wird versuchen, seine Produktion im Ausland abzusetzen, bis sich der heimische Markt so weit entwickelt hat, dass auf Ausfuhren verzichtet werden kann. Diese Entwicklung erfordert von den Raffinerien in Europa die Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit, zumal Unternehmen aus dem Nahen Osten und Indien bereits dabei sind, sich in Europa logistische Stützpunkte für den Vertrieb ihrer Erzeugnisse zu suchen und Russland mit seinem Steuersystem den Export von Mineralölprodukten fördert.

Veränderungen für die europäische Raffinerieindustrie werden nicht nur bei der Nachfrage eintreten, sondern auch in der Rohölversorgung. Gegenwärtig stammen rund 30 Prozent des in den Werken verarbeiteten Rohöls aus der Nordsee. Und obwohl die britische Encore Oil dort ein neues Ölfeld vor der schottischen Küste mit Reserven von mindestens 300 Millionen Barrel entdeckt hat, wird die Nordsee-Ölförderung wegen natürlicher Erschöpfung der Lagerstätten in den nächsten zehn Jahren sinken. Daher wird künftig mehr Rohöl aus Afrika, der Region um das Kaspische Meer oder dem Nahen Osten nach Europa kommen. Das sind meist schwere und schwefelreichere Sorten, die zusätzliche Verarbeitungsanlagen erfordern, um die europäischen Produktspezifikationen einhalten zu können. Dabei stehen die Ölverarbeiter vor dem Problem, dass Spezifikationen, die zwar Umweltbelastungen bei der Verwendung von Produkten verringern, bei deren Herstellung den Treibhausgasausstoß jedoch erhöhen und so der Vorteil beim Verbrauch zum Teil durch Nachteile bei der Herstellung vermindert wird. EUROPIA schätzt, dass europäische Raffinerien etwa ein Viertel ihrer CO₂-Zertifikate käuflich erwerben und dafür jährlich 1 Milliarde Euro aufwenden müssen, einen CO₂-Preis von 30 Euro je Tonne zugrunde gelegt.

Der Erhalt von Raffinerien in Europa bringt eine Reihe strategischer Vorteile mit sich. Vor allem sichern sie eine verlässliche Versorgung von Mineralölerzeugnissen zu erschwinglichen Preisen und erhöhen die Wertschöpfung. Sie tragen zur technologischen Führerschaft Europas bei durch die Entwicklung neuer Verarbeitungsverfahren, die zu einer Ressourcen schonenden und weniger Treibhausgas ausstoßenden Wirtschaft in Europa beitragen. Seit 1990 erhöhen Raffinerien ihre Energieeffizienz jährlich um 1 Prozent zum Beispiel durch Kraft/ Wärme-Kopplung. Und sie verhelfen dem Staat zu Einnahmen, 240 Milliarden Euro im Jahr allein aus Steuereinahmen durch den Verkauf von Kraftstoffen. Im Downstreamsektor der europäischen Mineralölindustrie arbeiten 600.000 Menschen, davon 100.000 in den Raffinerien und 500.000 in Transport und Vertrieb. Auch sind die Raffinerien eng mit der Petrochemie verbunden, in der 778.000 Mitarbeiter tätig sind. Diese Verbindung wird dadurch demonstriert, dass von den 58 Steamcrackern in Europa 41 mit Raffinerien integriert arbeiten. Mehr als 77 Prozent der Rohstoffe für die Petrochemie stammen aus europäischen Raffinerien. In der Europäischen Union sowie in Norwegen und der Schweiz gibt es 98 Raffinerien mit einer Jahreskapazität von rund 785 Millionen Tonnen. Das entspricht 17 Prozent der Weltraffineriekapazität. Ihre Erzeugnisse werden zu rund 64 Prozent im Verkehr verwendet. Zu etwa 22 Prozent dienen sie der Erzeugung von Wärme und Strom. Bei den übrigen Produkten handelt es sich um Rohstoffe für die Petrochemie, Schmierstoffe aller Art für die Industrie und um Bitumen für den Straßenbau. Betrieben werden die 98 Raffinerien von Mineralölgesellschaften unterschiedlicher Größe und kleineren Spezialfirmen. 44 Prozent der Anlagen gehören den international tätigen integrierten Ölgesellschaften, den so genannten Majors, die sich jedoch immer mehr aus der Ölverarbeitung in Europa zurückziehen. 36 Prozent der Anlagen sind in den Händen regional tätiger oder staatlicher Ölfirmen. 16 Prozent sind unabhängige Raffinerien, die über keine eigenen Vertriebsnetze verfügen. 4 Prozent der Raffinerien gehören Unternehmen mit Sitz außerhalb der Europäischen Union, Norwegens und der Schweiz.

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