
esyoil Special:
Im Georgien- Konflikt geht es Russland auch um die Kontrolle von ÖI und Gas
Von sicheren Transportwegen über Georgien kann keine Rede mehr sein. Damit wird die EU herausgefordert, die sich von Russlands Energie unabhängiger machen will.
Nahezu jede große Krise in den vergangenen Jahren hatte etwas mit Energie zu tun. Nach dem Platzen der Immobilienblase in den Vereinigten Staaten warf sich die Spekulation verstärkt auf die Rohstoffmärkte und trieb die Rohstoffpreise, insbesondere für Öl, in die Höhe. Als Folge der hohen Energiepreise, die die Konsumausgaben der Verbraucher in den Industrieländern beschneiden, flaut die Konjunktur ab und ergibt zusammen mit der Kreditkrise, die sich aus den immer weiter zunehmenden Abschreibungen der Banken entwickelt, die nach dem Wertverfall der US-Immobilien notwendig werden, eine gefährliche Gemengelage, die in einer Rezession enden kann. Nach den Worten des russischen Nato Botschafters Dmitri Rogosin geht es auch in Georgien um "einen Konflikt um Öl und Energie".
Im Kaukasus gibt es große Öl- und Gas vorkommen. Vor allem aber ist Georgien Transitregion für Energietransporte von Kaspischen Meer in die Türkei und weiter nach Westeuropa. Die im Frühsommer 2006 in Betrieb genommene Pipeline Baku-Tiflis-Ceyhan (BTC) verbindet die Ölfelder von Aserbaidschan am Kaspischen Meer mit Tanker-Verladestationen an den türkischen Mittelmeerküste. Sie ist für Europa von strategischer Bedeutung, weil durch die Leitung Öl gepumpt wird, das nicht aus den OPEC-Ländern oder aus Russland stammt. Durch die vom Ölkonzern BP mit Partnern betriebene BTC-ÖIpipeline strömen nach Angaben des Unternehmens täglich 800.000 Barrel und damit knapp 1 Prozent des täglichen Weltangebots an Öl. Darüber hinaus führt durch Georgien die kleinere BakuSups-Pipeline, die Felder am Kaspischen Meer mit Georgiens Schwarzmeer-Küste verbindet. Hauptgasader ist die BTE-Pipeline, über die zunächst Gas aus Aserbaidschan nur nach Georgien und in die Türkei transportiert wird, die aber als "Gerüst" für das Nabucco-Projekt dienen soll. Allen diesen Rohrleitungen ist gemeinsam, dass sie Russland umgehen. Nur eine einzige Ölpipeline führt von Baku über Russland zum russischen Schwarzmeerhafen Novorossiysk.
Russland hatte sich jahrelang gegen den Bau der BTE- Ölpipeline gestemmt und kann sich mit dem noch nicht realisierten Milliarden-Projekt, der unter dem Namen Nabucco geplante Bau einer 3.400 Kilometer langen Erdgasleitung, über die ab 2013 Gas aus der Region um das Kaspische Meer nach Europa transportiert werden soll, überhaupt nicht anfreunden. Das Planungskonsortium wird von der österreichischen OMV angeführt; dem Konsortium gehört auch die RWE an. Das Nabucc-Projekt konkurriert mit dem so genannten South Stream -Projekt
der russischen Gazprom mit der italienischen ENI, das Gas aus und über Russland nach Europa transportieren soll.
Unabhängig von der Bombardierung Georgiens durch russische Kampfflieger ist die BTC-Leitung nach einem Anschlag in der Türkei schon vorher stillgelegt worden. An der Baku-Supsa-Leitung wurden Anlagen am Schwarzmeerhafen Poti zerstört, von wo aus ein Teil der Ölanlandungen verschifft wird. Am Betrieb nicht gehindert ist die Baku-Novorossysk-Leitung. Die wird nun verstärkt genutzt, nachdem der Ölfluss aus Aserbaidschan über Georgien in den Westen fast völlig zum Erliegen gekommen ist. Seither ist von sicheren Transportwegen über Georgien keine Rede mehr.
Der strategische Wert des Nabucco-Projektes für Westeuropa ist soeben noch einmal von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos hervorgehoben worden, der das hohe Interesse Europas daran betonte, dass nicht alle Öl- und Gasleitungen, die aus den Förderregionen rund um das Kaspische Meer kommen, über russisches Territorium geleitet werden. "Die Handlungsfähigkeit Georgiens hat daher große Bedeutung", so Glos. Alexander Jahr, Programmdirektor Russland/ Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, erklärte dagegen, dass "es nach diesem Krieg die Nabucco-Pipeline ... nicht geben wird". Allerdings steht dieses Projekt ohnehin auf wackeligen Füßen, einfach weil die Gasmengen fehlen.
Russland lockt die Länder der Region wie z.B. Aserbaidschan mit Gaspreise auf Westniveau und vereinbart mit Kasachstan und Turkmenistan den Bau von Gaspipelines, die das zentralasiatische Gas nach Südrussland bringen sollen. "Nabuccos" Chancen sind auch ohne den Krieg dadurch weiter gesunken, da sich inzwischen immer mehr EU-Länder wie Griechenland, Bulgarien, Slowenien oder Ungarn von ihr ab- und dem russischen Alternativ-Projekt "South Stream " zuwenden.
Russlands Energie-Imperialismus fußt auf hohen Preisen
Wenn es, neben den machtpolitischen anderen Kriegszielen, die Absicht Russlands gewesen ist, Georgiens Position als verlässliche TransitRoute für kaspische Öl- und Gastransporte zu unterminieren, dann ist das zweifellos gelungen. Auch in Georgien wird Russlands Energie Imperialismus überdeutlich. Russland, das dem Weltmarkt nicht viel mehr anzubieten hat als Öl und Gas, versteht sich als Energiemacht und versucht diese auszubauen, wo immer möglich. Anzeichen dafür waren der kürzliche Besuch von GazpromChef Alexej Miller in Libyen, der Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi vorschlug, die Öl- und Gasproduktion des Landes aufzukaufen und zu vermarkten. Oder seine euphorische Prophezeiung, dass der Ölpreis demnächst 250 US-Dollar je Barrel und Gazprom einen Wert von 1 Billion Dollar erreichen werde. "Wir erwarten, dass der durchschnittliche europäische Gaspreis schon Ende dieses Jahres auf mehr als 500 US-Dollar pro 1.000 m3 ansteigen wird", sagte Miller nach einem Treffen mit dem russischen Premier Wladimir Putin am 8. Juli 2008 in Moskau. Miller hält auch 1.000 US-Dollar für möglich. Der europäische Durchschnittspreis liegt derzeit bei 410 USDollar für diese Menge. Über Libyen hinaus drängt Gazprom in Afrika mit Macht nach vorne. In Algier hat der russische Gasmonopolist gerade erst eine neue Repräsentanz eröffnet, mit der algerischen Staatsgesellschaft gibt es bereits unterschriebene Verträge für diverse Projekte bei der Suche, der Produktion und dem Transport von Erdgas. Auch in Nigeria versuchen die Russen immer stärker, den Fuß in die Tür zu bekommen, indem sie versprechen, jeden denkbaren Konkurrenten um eine Beteiligung an einem Pipeline-Projekt grundsätzlich zu überbieten.
Auch im Iran hat Russland bzw. Gazprom längst ihre Pflöcke eingeschlagen. So haben kürzlich Gazprom-Chef Miller, der iranische Erdölminister Gholam Hossein Nosari und Seifollah Jashnsaz, Geschäftsführer der iranischen Ölgesellschaft NIOC, bei einem Treffen in Teheran die Gründung einer gemeinsamen Arbeitsgruppe vereinbart, die die Möglichkeiten einer breit angelegten Zusammenarbeit im Öl-und Gasbereich erörtern soll. Und schließlich haben die Staatspräsidenten von Russland und Venezuela, Dmitrij Medwedjew und Hugo Chavez, in Med-Residenz in Barwicha bei Moskau eine strategische Energieallianz vereinbart, um den Einfluss ihrer Länder auf den internationalen Märkten zu stärken. Dabei zeigte sich Medwedjew auch weiterhin an der Schaffung einer der OPEC ähnelnden Organisation für Gas exportierende Länder interessiert. Russland setzt, wie kaum ein anderes Förderland, auf einen hohen Öl-und Gaspreis. Sollte sich dieser einmal halbieren, würde sein Energie-Imperialismus in sich zusammenfallen. Aus dieser Perspektive ist es kein Wunder, dass sich Russland an Venezuela und Iran angenähert hat, denn deren Regierungen fordern als Falken innerhalb der OPEC stets Höchstpreise.
Frank-Walter Steinmeier: „Das kann ich jetzt noch nicht sagen"
Bei den russischen Vereinbarungen mit Iran und Venezuela sind Staaten unter sich, deren "autoritäre und korrupte Regime sich erst durch hohe Öl- und Gaspreise stabilisieren konnten", wie es jüngst George Soros, der legendäre US-Finanzinvestor, ausdrückte. In Georgien hat Russland deutlich gemacht, wie weit es bei der Verfolgung seiner imperialen Interessen zu gehen bereit ist. Auf die Frage, ob die Krise im Kaukasus den Bau der von Gazprom forcierten Ostseepipeline gefährden könnte, antwortete Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier unlängst: "Das kann ich jetzt noch nicht sagen." Aus den Anrainerländern wie Schweden, Polen und den baltischen Staaten könnte sich der Widerstand verschärfen. Europa wird um eine weitere Zusammenarbeit mit Russland nicht herumkommen, aber es sollte dringend über alternative Energieversorgungsmöglichkeiten nachgedacht werden
Energie Informationsdienst 35/08 vom 25.08.2008 S.1ff.

