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OPEC und die Suche nach dem fairen Ölpreis
Das Kartell lässt die Förderquoten unverändert und freut sich über einen Preis um die 80 US-Dollar je Barrel. Doch wie viel Einfluss hat die OPEC?
Zuletzt ist Rohöl wieder teurer geworden. Um 85 US-Dollar pendelte der Preis je Barrel Brent-Öl, als sich die Ölminister der inklusive Irak zwölf OPECMitgliedstaaten vergangenen Donnerstag am OPEC-Sitz in Wien trafen - und entschieden, weiterhin nichts zu tun.
Man befinde sich gegenwärtig in einer idealen Situation, kommentierte Ali al-Naimi, Ölminister von Saudi-Arabien, dem größten Ölförderer und -besitzer der Welt, die Lage. Der Markt sei ausreichend bedient, und die Nachfrage nach Öl lege bereits wieder zu.
Die aktuellen Quoten bleiben also erhalten, sie haben - obwohl sie aktuell von jedem Kartellmitglied überschritten werden - den OPEC-Staaten (und allen anderen Ölförderern) einen Preis beschert, der für alle Marktteilnehmer einigermaßen komfortabel ist: Für die Industrieländer, in der Regel große Netto-Ölimporteure, weil er nicht so hoch ist, als dass er die gerade stattfindende konjunkturelle Erholung wieder abwürgt, und auch für die Produzenten, weil sie bei solchen Preisen in der Lage sind, ausreichend in die Erschließung neuer Vorkommen zu investieren.
Und dass der Ölpreis jetzt sogar wieder etwas über dem von den Kartellmitgliedern als ideal definierten Preisband von 70 bis 80 US-Dollar liegt, hat den Falken innerhalb der OPEC den Wind aus den Segeln genommen, die eigentlich für höhere Ölpreise eintreten. „Persönlich denke ich, wir sollten einen höheren Ölpreis haben", sagte Libyens Ölminister Shukri Ghanem im Vorfeld des jüngsten Treffens gegenüber „Argus" und begründete seine Sicht damit, dass auch die Preise für Lebensmittel, die viele OPEC-Mitglieder in großem Maße importieren müssten, zuletzt kräftig gestiegen seien. Auch sein venezolanischer Kollege Rafael Ramirez hält 100 US-Dollar je Barrel eigentlich für den „fairen" Ölpreis.
„Haben kein Interesse an einer double-dip-Rezession"
OPEC-Generalsekretär Abdullah al-Badri
Dennoch, die Furcht vor einem erneuten Rückfall in die Rezession hält auch die OPEC-Staaten davon ab, die Ölpreise beispielsweise über eine neuerliche Verknappung des Angebots nach oben zu treiben. „Wir wollen keinen Staub aufwirbeln, auch wir haben kein Interesse an einer double-dip-Rezession", beruhigte OPECs Generalsekretär Abdullah al-Badri.
Auch wenn die Diskussionen um die Ölpreise und deren Wirkung auf die Konjunktur entgegen früheren Zeiten derzeit sehr moderat verlaufen, Tatsache ist, dass der Weltölmarkt der vielleicht am stärksten politisierte Markt der Welt ist. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zu der Politisierung trägt einmal die ungleiche Verteilung der Ölvorkommen auf der Welt bei. Sie teilt die Länder der Welt in zwei Gruppen. Öl mit Überschuss produzierende Länder und Länder, die ihren Ölbedarf in hohem Maß oder vollständig durch Ölimporte decken müssen. Ein weiterer Faktor ist die Tatsache, dass Bodenschätze im Allgemeinen dem Staat gehören und ihre Nutzung nur durch Verträge mit Regierungen möglich ist, egal ob es sich um ein privates oder um ein staatliches Unternehmen handelt. Hinzu kommt, dass sich das Öl in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert zum dominierenden Energieträger der Welt entwickelt hat und unter den Primärenergieträgern die Preisführerschaft erlangt hat. Schließlich beeinflusst die Politik die Preisbildung beim Öl durch fiskalische Maßnahmen wie Steuerbe- und -entlastungen oder Produktions- sowie Import- und Exportquoten.
Ein Beispiel für die Politisierung des Ölmarkts eben ist die OPEC. Die Organisation of Petroleum Exporting Countries wurde am 14. September 1960 in Bagdad vom Irak, Iran, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela gegründet, nachdem sich Juan Pablo Alfonso Perez und Abdullah Tariki, die Ölminister Venezuelas und Saudi-Arabiens, lange um eine einheitliche Haltung der Öl fördernden Länder zu den Ölgesellschaften bemüht hatten, die innerhalb ihrer Grenzen tätig waren und die Länder gegeneinander ausspielen konnten. Anstoß zu dieser Vereinigung hatte eine Senkung des Listenpreises für Nahostöl gegeben, der die Basis für die Berechnung der Steuern und Abgaben für das exportierte Öl ist und damit neben der produzierten Menge über die Höhe der Staatseinnahmen entscheidet. Die Preissenkung wiederum war u.a. Folge eines Beschlusses der amerikanischen Politik. Die rasche Erschließung von Ölvorkommen westlich des Suez-Kanals nach der Verstaatlichung dieses Seeweges durch Ägypten 1956 hatte zusammen mit steigenden russischen Ölausfuhren zu einem reichlichen Ölangebot mit entsprechenden Auswirkungen auf den Ölpreis geführt. Dadurch konnte Öl aus dem Nahen Osten und Afrika in den USA mit heimischem Öl konkurrieren - und es schließlich immer mehr vom Markt verdrängen. Dem schob Washington ein Riegel vor, indem es wegen der Sicherheit der Versorgung der USA mit Energie Ölimportquoten zum Schutz der heimischen Ölproduktion einführte.
In den folgenden Jahren schlossen sich Indonesien, Libyen, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Algerien, Ecuador, Gabun und zuletzt 2007 Angola der OPEC an. Ecuador hatte die Organisation zwischen 1992 und 2007 verlassen. Gabun und Indonesien sind ganz ausgetreten.
In ihrem ersten Jahrzehnt konnte die Ölförderorganisation ihren beiden vorrangigsten Ziele - Koordinierung und Vereinheitlichung der Ölpolitik ihrer Mitglieder und Stabilisierung der Ölpreise zum Vermeiden schädlicher Preisschwankungen - kaum näher kommen. Die Verhältnisse auf dem Weltölmarkt ließen das nicht zu. Dies sollte sich im zweiten Jahrzehnt des Bestehens der OPEC ändern. Das Wachstum der Weltwirtschaft löste auch ein Wachstum der Nachfrage nach Öl aus. Zwischen 1960 und 1970 erhöhte sich der Weltölkonsum im Durchschnitt jährlich um 120 Millionen Tonnen und verdoppelte sich von 1,1 Milliarden auf 2,3 Milliarden Tonnen. Und Anfang der 70er Jahre stammten rund 55 Prozent allen in der Welt geförderten Öls aus der damals noch überschaubaren Gruppe der OPEC-Länder.
Diese Entwicklung stärkte die Position der Ölländer, die in zähen Verhandlungen in Teheran und Tripolis die Rolle der Ölgesellschaften immer mehr einschränkten, bis die OPEC am 16. Oktober 1973 die Hoheit über die Preise übernahm und den Ölpreis erst von weniger als 3 US-Dollar auf 5 US-Dollar und wenig später auf die damals als astronomisch angesehene Höhe von etwa 12 US-Dollar je Barrel erhöhte. Gleichzeitig drohten die arabischen Ölländer damit, ihre Ölproduktion monatlich um 5 Prozent zu kürzen, wenn die USA und andere Länder nicht die Unterstützung Israels im Yom Kippur-Krieg einstellten. Außerdem belegten die arabischen Ölländer die USA und die Niederlande mit einem Ölembargo.
Es waren diese Beschlüsse, die den Öl verbrauchenden Ländern ihre Abhängigkeit von der OPEC-Ölpolitik überdeutlich vor Augen führten und die OPEC als fast allmächtiges Kartell erscheinen ließen, in dessen Händen sich fast 80 Prozent der Weltölreserven befinden und das an der Weltölförderung zu rund 40 Prozent beteiligt ist und in erster Linie an möglichst hohen Ölpreisen interessiert ist.
Das Ergebnis der drastischen und plötzlichen Erhöhung der Ölpreise war eine weltweite wirtschaftliche Rezession, eine zunächst abnehmende Nachfrage nach Öl und eine forcierte Ölerschließung außerhalb der OPEC. Eine zweite sprunghafte Erhöhung des Ölpreises auf bis zu 40 US-Dollar je Barrel löste die islamische Revolution im Iran aus mit dem Sturz des Schah-Regimes. Die Flaute in der Weltwirtschaft bewirkte in den 80er Jahren einen Verfall der Ölpreise. Der Preis für ein Barrel Nahostöl sank unter 10 USDollar je Barrel, obwohl sich die OPEC bemühte, mit Förderquoten für Mitglieder das Ölangebot einzuschränken, um den Ölpreis zu stabilisieren. Doch gab es innerhalb der Organisation keine strikte Disziplin bei der Einhaltung der Quoten. Zu unterschiedlich sind die Interessen der einzelnen OPEC-Mitglieder, von denen die einen über umfangreiche Ölreserven verfügen und eine niedrige Bevölkerungszahl aufweisen und die anderen viele Einwohner haben und vergleichsweise wenig Ölreserven besitzen. Die einen - wie zum Beispiel OPEC-Primus Saudi-Arabien - wollen ihr Öl lange Zeit nutzen und deshalb die Preisschraube nicht zu stark anziehen. Die Anderen - wie etwa Venezuela - wollen dagegen rasch möglichst hohe Öleinnahmen erzielen, um ihre wirtschaftliche Entwicklung kräftig voran zu treiben. Bei einem niedrigen Ölpreis versuchen diese Länder, Einnahmeausfälle durch vermehrte Ölexporte auszugleichen.
Der bis Ende der 90er Jahre anhaltende günstige Ölpreis wirkte auf die Weltwirtschaft wie ein Konjunkturprogramm und führte zu einer wieder steigenden Nachfrage nach Energie, die nur von konventionellen Energieträgern gedeckt werden konnte, da die nach den Ölpreissprüngen begonnenen Bemühungen um Nutzung erneuerbarer Energien sich noch nicht ausreichend ausgewirkt hatten. Auch war das Interesse an einem niedrigen Energiepreis gesunken. Höhere Energiepreise sollten einen sparsamen Umgang mit Energie zum Schutz des Weltklimas bewirken und erneuerbare Energien rascher wettbewerbsfähig werden lassen.
2005 kostete Öl im Durchschnitt 55 US-Dollar je Barrel und überschritt 2008 die 150 US-Dollar je Barrel-Grenze, was allgemeinhin als (spekulative) Marktübertreibung gewertet wurde, gegen die auch die OPEC mit einer gelockerten Förderquote nichts ausrichten konnte, die sich allerdings auch recht schnell wieder verflüchtigte.
Die globale Finanzkrise und die von ihr ausgelöste wirtschaftliche Rezession verursachte einen neuen tiefen Fall der Ölpreise, dem das Ölkartell - diesmal einigermaßen erfolgreich - mit Förderkürzungen begegnete, die gegenwärtig zu eben jenem Preis von gerade wieder um die 85 US-Dollar für das Barrel Rohöl geführt haben, ein Preis, den die OPEC wie gesagt als „komfortabel" bezeichnet und gegen den auch die Internationale Energie-Agentur (IEA) nichts einzuwenden hat.
- Energie Informationsdienst 42/10 vom 18.10.2010 S.1ff.
- 22. November 2010