Mit Biosprit, genauer gesagt Ethanol, hat Dupont de Nemours sogar das Interesse von US-Präsident George W. Bush geweckt. Der amerikanische Chemiekonzern erforscht nämlich die Wege, über die sich Ethanol aus Stroh und anderen biologischen Reststoffen wirtschaftlich gewinnen lässt. Bush hat in einer politischen Grundsatzrede gerade Bio-Treibstoffe, sei es Ethanol oder Biodiesel, als Königsweg aus der Klemme drohender Klima-Katastrophen gepriesen. Innerhalb von nur zehn Jahren will er über die verschiedenen, in den Vereinigten Staaten selbst erzeugten Sorten von Biosprit beim Import von Mineralöl 20 Prozent einsparen. Doch Bush hat bisher einen, sicher ungewollten Nebeneffekt erreicht: der Preis für Sojabohnen steigt ebenso wie der für Mais und Weizen.
Die Investmentbank Goldman Sachs hat sich zwar im vergangenen Jahr schon weltweit mit mehr als 1,5 Milliarden US-Dollar bei neuen Projekten und Unternehmen im Bereich regenerativer Energie engagiert, sieht aber die Gefahren, die aus einer stärkeren Nutzung von Biosprit in Nordamerika entstehen können. „Das Projekt regenerativen Treibstoffs bringt den Getreidemarkt unter Spannung, aber keine Entlastung bei Öl" erklärt Goldman Sachs-Manager Jeffrey Currie. Er und seine Kollegen rechnen vor, durch das Interesse für Ethanol hätten sich die Preise für Mais innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Und so lange wie die Technik zur Gewinnung von Biosprit aus Reststoffen noch nicht völlig ausgereift sei, bleibe in den USA Mais die erneuerbare Energiequelle. Ethanol aus Mais in den Tank zu schütten, lohne sich trotz Subvention des Mais-Anbaus aber erst bei einem Ölpreis von 60 US-Dollar pro Barrel.
David Rosenberg, Analyst von Merill Lynch, fürchtet noch schlimmere Folgen, wenn die USA stärker in Richtung Biosprit marschieren. Auf Mais basiere auch ein großer Teil der amerikanischen Gefügel- und Rindfleischproduktion. Steige der Preis für Mais, belaste dies weite Teile der Nahrungsmittelproduktion. Nach Rosenberg geben Amerikaner im Durchschnitt 14 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel und nur unter neun Prozent für Energie aus. Gegen teurere Nahrungsmittel könne sich der Verbraucher viel weniger wehren als gegen hohe Energiepreise.
Weltweit geht die Diskussion über Energie oder Ernährung allerdings oft zugunsten der Energie aus: In Indonesien hat gerade die Sinar Mas Agro Resources and Technologies mit der China National Oil Corporation (CNOOC) und der Hongkong Energy Holdings zwei finanzstarke Partner für ein 5,5 Milliarden US-Dollar teures Bio-Energie-Projekt gewonnen. Sie wollen in Kalimantan und Papua insgesamt eine Million Hektar Land mit Cassava-Pflanzen, Ölpalmen und Zuckerrohr bepflanzen. Cassava, dessen Wurzeln das in Fernost beliebte Tapioka liefert, und Zuckerrohr sollen zur Produktion von Ethanol dienen, Ölpalmen für jene von Biodiesel. Für verschiedene riesige Bio-Energie-Projekte will der Präsident Susilo Bambang Yudhoyono allein für Indonesien Investitionszusagen von 22 Milliarden US-Dollar gesichert haben.
Auf dem jüngsten Wirtschaftsgipfel der Gruppe Südost-Asien, zu der auch Australien, Neuseeland, China, Japan, Südkorea und Indien zählen, haben die zehn Mitglieder gerade einstimmig beschlossen, mit Hilfe von Bio-Treibstoffen ihre Abhängigkeit von Mineralöl-Importen zu senken. Prompt unterzeichnete der chinesische Premierminister Wen Jiabao einen Plan, gemeinsam mit den Philippinen dort auf der Insel Luzon in großem Stil Ethanol aus Zuckerrohr zu erzeugen. Selbst in Afrika bestehen große Biomasse-Pläne: In Kenia beispielsweise wollen Investoren tausende Hektar Land mit Jathropha bebauen, einer weder im Anbau noch bei der Ernte, geschweige denn der Verarbeitung zu Biodiesel wirklich erprobten Pflanze.
In West-Europa läuft die Diskussion um Biosprit dagegen kontrovers. Die einen sehen darin eine umweltfreundliche Alternative zum Mineralöl, die zugleich noch neue Absatzfelder für die Landwirtschaft eröffnet und die Abhängigkeit von Importen senkt. Andere sehen darin eine auch noch mit Steuermitteln geförderte unfaire Konkurrenz zur Produktion nötiger Nahrungsmittel. Außerdem bedrohe die Produktion von Energiepflanzen in Malaysia, Indonesien und anderen tropischen Revieren den Regenwald und sorge sogar für einen Anstieg der für das Klima gefährlichen Gase. Laut Ed Matthews, dem Sprecher der Umweltschutz-Gruppe „Friends of the Earth", hat „Europa die Schleusen für Bio-Treibstoffe geöffnet, ohne sicher zu stellen, dass diese aus umweltfreundlich angebauten Pflanzen stammen". Biodiesel aus Palmöl könne „mehr Emissionen verursachen als herkömmlicher Diesel".
Das hat die britische Regierung aufhorchen lassen. Bevor sie eine Art von Zwangseinsatz für Biosprit verordnet, will sie in einem Pilotversuch unter Beteiligung aller betroffenen Gruppen ab April testen, welche Wirkungen und Nebenwirkungen Biosprit bringt. Die Resonanz fiel denkbar positiv aus: Von Bauern über die Mineralölindustrie, der Renewable Energy Association bis hin zu Umweltschützern - alle wollen mitmachen. Sean Sutcliffe, Vorstandschef von BioFuels, Betreiber der größten Anlage zur Produktion von Biodiesel im Vereinigten Königreich, sieht nämlich: „Wenn wir nicht glaubhaft machen können, dass wir nur für die Umwelt verträgliche Rohstoffe verwenden, bringen wir die ganze Branche in Verruf". Die Biosprit-Produzenten rufen deshalb jetzt nach einer ähnlichen Herkunftsmarke für Ethanol und Pflanzenöl wie es sie im Nahrungsmittelbereich längst gibt.
Außerdem hängt die Wirtschaftlichkeit von Biosprit nach wie vor an der Entwicklung der Ölpreise, eine Kalamität, unter der das Geschäft mit dem besteuerten Biodiesel pur zzt. In Deutschland leidet (...). Je tiefer die Ölpreise in den Keller gehen, desto weniger reichen die Steuervorteile von 20 Pence pro Liter in Großbritannien aus, um Biotreibstoff in die schwarzen Zahlen zu bringen. Wenn die „Renewable Transport Fuels Obligation" (RTFO) in Kraft tritt, nach der ab April 2008 alle Mineralölprodukte für den Straßenverkehr 2,5 Prozent und ab April 2010 sogar fünf Prozent Biotreibstoff enthalten müssen, droht bei Verstößen gegen die RTFO eine Strafe von 15 Pence pro Liter.
In der Zwischenzeit boomt die Nachfrage nach Palmöl und anderen Bio-Rohstoffen: Führende Banken entwickeln plötzlich nicht nur Instrumente für den Metallhandel, sondern auch für den mit Pflanzenöl. Euronext, die europäische Warenterminbörse, hat gerade für Rapsöl erste Futures und Options-Kontrakte eingeführt. Credit Suisse berichtet von einem steilen Anstieg der Nachfrage nach Palmöl - dies freilich auch aus einer ganz traditionellen Ecke, nämlich der Nahrungsmittelindustrie. Seit die USA die Kennzeichnungspflicht für gesunde und weniger gesunde Öle und Fette eingeführt haben, stieg die Einfuhr von Palmöl aus Malaysia dort um 19 Prozent. Ob nun für Biodiesel oder für Salatöl, die Bank empfiehlt Palmöl als gesunde Ergänzung des Anlage-Portefeuilles.
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 10/07 vom 05. März 2007 Seite 3-4
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