esyoil-Logo Unterschiedliche Strategien: Kommen und Gehen in deutscher Raffineriewirtschaft

esyoil – einfach schlauer heizen

Unterschiedliche Strategien: Kommen und Gehen in deutscher Raffineriewirtschaft

Rosneft steigt bei Ruhr Oel ein, ConocoPhillips mit der Aufgabe des Standortes Wilhelmshaven teilweise aus dem deutschen Raffineriemarkt aus.

Die goldenen Raffineriejahre sind vorbei. Weil der Treibstoffbedarf gerade in den westlichen Industrienationen immer stärker zurückgeht, lohnt sich die Mineralölverarbeitung in diesen Ländern immer weniger. Zusätzlichen Druck bekommen Raffineure dort durch neue Verarbeitungsanlagen in Mittel- und Fernost, die - als Exportraffinerien konzipiert - ebenfalls auf diese Märkte drängen. Die großen westlichen Raffineure reagieren auf diese „Profitabilitätskrise", indem sie Anlagen verkaufen oder stilllegen, wenn der Verkauf nicht gelingt.

In Deutschland hat Shell hierbei den Anfang gemacht. Das Werk Heide (4,5 Millionen Tonnen p.a. Rohöldestillationskapazität) ist inzwischen an den britisch-schweizerischen Investor Klesch veräußert, für Hamburg-Harburg (5,2 Millionen Tonnen) ist dagegen noch kein Interessent in Sicht; hier steht ebenfalls die Schließung oder ein Weiterbetrieb des Werkes als Tanklager im Raum.

Wie Shell in Hamburg ergeht es ConocoPhillips bei der Raffinerie Wilhelmshaven, dem mit 13,5 Millionen Tonnen Rohöldestillationskapazität zweitgrößten Verarbeitungswerk in Deutschland, das als Exportraffinerie wie kaum eine Anlage darunter leidet, dass der Benzinstrom in die USA wegen der auch dort sinkenden Nachfrage immer dünner wird. Ein Käufer konnte bislang auch hier nicht gefunden werden, und so will ConocoPhillips, die für ihre besonders hohen Renditeanforderungen bekannt ist, die 1976 eröffnete und 2006 von der Louis Dreyfus Energy Holdings übernommene Raffinerie nun zum Jahresende schließen. Dagegen laufen Arbeitnehmervertreter und Gewerkschaften Sturm und wollen sich nun ihrerseits um einen Investor bemühen.

BP Europa-Chef Uwe Franke hat im EID(Abk. Energie Informationsdienst) schon vor geraumer Zeit gesagt, ohne Schließungen werde es in der Mineralölverarbeitung angesichts der immer größer werdenden Überkapazitäten nicht gehen, um in diesem Bereich überhaupt wieder wirtschaftliche Verhältnisse zu bekommen. Insofern wundert es auch nicht, dass die ohnehin klamme BP nicht von ihrem Vorkaufsrecht bei der Ruhr Oel GmbH (ROG) Gebrauch machen wird und der russischen Rosneft den Zuschlag für die frei werdenden 50 Prozent des BP-Joint Venture-Partners Petroleos de Venezuela (PdVSA) überlässt. Ebenso wenig, dass ein russisches Unternehmen 1,6 Milliarden US-Dollar - so viel bezahlt Rosneft PdVSA für ihren ROG-Anteil - in einen schrumpfenden Markt investiert. Denn schon lange versuchen Rosneft und Co., auf dem Wege zu weiterer Integration auf dem europäischen und ganz besonders dem deutschen Mineralöl-Downstreammarkt Fuß zu fassen. So war es Lukoil, die im Zuge der Übernahme von Veba Oel/Aral durch BP im Jahr 2002 als einer der ersten Kaufkandidaten für einen Teil der Tankstellen galt - das so genannte „Nordpaket" mit insgesamt 460 Tankstellen -, die BP gemäß Kartellamtsauflage abgeben musste. Den Zuschlag bekam dann die polnische PKN Orlen, die die Tankstellen inzwischen fast alle unter der „B"-Marke „Star" betreibt.

Rosneft wiederum, so wurde zuletzt in verschiedenen Medien kolportiert, stehe als Erwerber für das Aral-Tankstellennetz bereit, sollte BP sich entscheiden, dieses zu verkaufen, um Geld zur Begleichung der Schäden und Schadensansprüche infolge der „Deepwater"-Ölkatastrophe zu beschaffen. Hierzu gab es von Rosneft umgehend ein Dementi. Noch spekulativer ist der Gedanke, Rosneft könnte die rund 740 deutschen JET Tankstellen kaufen, sollte die Schließung der Raffinerie Wilhelmshaven nur der erste Schritt einer Exit-Strategie von ConocoPhillips in Deutschland (ist außerdem bei der MiRO in Karlsruhe beteiligt) sein.

Nun wird Rosneft erst einmal BPs gleichberechtigter Partner bei Ruhr Oel, jenem Raffinerieunternehmen, dem, 1983 als Joint Venture von Veba Oel, jetzt BP, und PdVSA gegründet, die Raffinerie- und Petrochemieanlagen in Gelsenkirchen zu 100 Prozent sowie weitere Beteiligungen an den Raffinerien PCK Schwedt (37,5 Prozent), Bayernoil (25 Prozent) sowie MiRO (24 Prozent) mit einer Verarbeitungskapazität von insgesamt rund 23 Millionen Tonnen im Jahr (etwa ein Fünftel der gesamten deutschen Raffineriekapazität) gehören. Noch fehlt die Genehmigung der zuständigen Behörden. Die im Beisein von Russlands Ministerpräsidenten Wladimir Putin und Venezuelas Präsident Hugo Chavez von Rosneft und PdVSA getroffene Vereinbarung soll aber zum nächsten Jahr in Kraft treten.

„Über mehr als 25 Jahre haben wir sehr gut mit PdVSA zusammengearbeitet. Wir haben es geschafft, das ROG-Joint Venture zu einem der erfolgreichsten in Europa zu entwickeln", kommentierte BP Europa-Chef Franke den anstehenden Deal. „Wir freuen uns darüber, im nächsten Jahr mit unserem neuen Partner Rosneft die Erfolgsgeschichte des Joint Ventures fortzuschreiben und Rosneft in Bezug auf einen angestrebten Technologietransfer und die Optimierung der Geschäftsabläufe zu unterstützen", so Franke weiter.

Russlands Rolle als deutscher Energiepartner wird noch größer

Russlands Rolle als Energiepartner von Deutschland, das belegt Rosnefts Einstieg bei ROG auch, wird immer größer. Dazu ein paar Zahlen: An den deutschen Rohölimporten ist Russland derzeit zu knapp 37 Prozent beteiligt und hat mit der ROG-Beteiligung nun einen weiteren Absatzkanal für heimisches Rohöl. Außerdem liefert Russland den bei Mitteldestillaten chronisch klammen Ländern Europas und dabei auch Deutschland jedes Jahr große Mengen Diesel und leichtes Heizöl, 2009 waren es allein über 23 Millionen Tonnen, was - je nach Marktlage - in etwa dem jährlichen HEL-Konsum Deutschlands entspricht.

Bei den Steinkohleneinfuhren ist Russland mit einem Anteil von rund 25 Prozent ebenso Deutschlands wichtigster Lieferant wie beim Erdgas. Über 40 Prozent der deutschen Gasimporte stammen in diesem Jahr (Januar bis August) aus russischen Quellen. An zwei der drei größten deutschen Gasimporteure ist Gazprom direkt beteiligt: An der Wingas mit knapp 50 Prozent (etwa ebenso hoch ist der Anteil von russischem Gas an der gesamten Beschaffung von Wingas) und bei der VNG mit gut 10,5 Prozent (bei VNG liegt der Anteil von Russland-Gas bei gut einem Drittel). Marktführer E.ON Ruhrgas wiederum ist seinerseits mit 3,5 Prozent an Gazprom beteiligt - noch, denn angeblich suchen die Essener dafür einen Käufer. Weitere mittelbar gehaltene 3 Prozent Gazprom-Aktien haben sie bereits für den Einstieg beim russischenGasfeld Jushno Russkoje abgegeben. E. ON Ruhrgas deckt etwas mehr als ein Viertel des eigenen Gasbedarfs in Russland.

Dass sich PdVSA, die 1975 im Zuge der Verstaatlichung privater Ölgesellschaften in den Ländern der OPEC gegründet wurde, Anfang der 80er Jahre Raffineriepartner im Ausland gesucht hat, hängt vor allem damit zusammen, dass man einen direkten Vermarktungskanal für die heimischen Rohöle suchte. Venezolanisches Rohöl ist überwiegend schwer und schwefelreich, verursacht höhere Verarbeitungskosten und lässt sich deshalb nicht so gut absetzen wie leichtere Rohöle mit hohem Benzinanteil. So kam es 1983 zur Gründung der Ruhr Oel in Deutschland und drei Jahre später zur PdVSA-Beteiligung an der Raffinerie- und Tankstellenfirma Citgo in den USA, die die Venezolaner 1990 vollkommen übernahmen. Daneben beteiligte sich die PdVSA noch an der schwedischen Nynas und Raffinerien auf den Bahamas und den Jungferninseln. Mit der Präsidentschaft Hugo Chavez und seiner bolivarischen Revolution wurde die PdVSA zu einem politischen Instrument zur Finanzierung der Chavezschen Sozialprogramme und zur Unterstützung vor allem gegen die USA gerichteter außenpolitischer Ziele. 2006 kam es in deren Folge zur Verstaatlichung von 32 privaten Ölfirmen, die sich in erster Linie der Schwerstöl-Gewinnung gewidmet hatten. In diesem Zusammenhang schwand auch das Interesse an ausländischen Raffineriebeteiligungen, ablesbar bei der ROG.

Venezuela ist das größte Ölland Südamerikas und soll nach Schätzungen des US Geological Service mit rund 70 Milliarden Tonnen über mehr Ölreserven verfügen als Saudi-Arabien. Aber mit der politischen Instrumentalisierung der PdVSA ist Venezuelas Ölförderung in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gesunken.

Heizöl-Kommentare