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Wachstum in begrenzten Systemen
„Kein Baum wächst in den Himmel“ - sagt ein altes deutsches Sprichwort. Es geht davon aus, dass es natürliche Grenzen gibt, die nicht überschritten werden können und damit ein grenzenloses Wachstum in der Natur nicht möglich ist. Genau wie der Baum kennen fast alle natürlichen Organismen Wachstumsgrenzen. Auch wir Menschen wachsen nur in unseren ersten zwanzig Lebensjahren. Danach können wir nicht mehr körperlich, sondern nur noch geistig wachsen.
Andere Wachstumsarten gehen dagegen von unbegrenztem Wachstum aus. Wir leben heute in einer auf Wachstum ausgerichteten Welt. Wirtschaftswachstum gilt gemeinhin als Allheilmittel für Probleme wie Arbeitslosigkeit und Verschuldung. Wachstum wird gefordert, aber vergessen wird dabei anscheinend, dass die Erde offensichtlich nicht mehr in der Lage ist, dieses unbegrenzte Wirtschaftswachstum zu verkraften. Der Klimawandel ist ein mittlerweile unumstrittener Beweis für die Übernutzung natürlicher Ressourcen. Wir fordern grenzenloses Wachstum, obwohl doch offensichtlich ist, dass unser Planet und seine Ressourcen begrenzt sind – die Erde wächst ja nicht. Schon allein diese Tatsache macht deutlich, dass eine Wirtschaft, die von unbegrenztem Wachstum und einem damit verbundenen wachsenden Verbrauch fossiler Ressourcen ausgeht, langfristig die Grenzen der Belastbarkeit der Erde überschreiten muss.
Grundsätzlich lässt sich zwischen vier verschiedenen Wachstumsarten unterscheiden. Es gibt lineares, exponentielles, beschränktes und logistisches Wachstum. Während die ersten beiden Typen in der Theorie unbegrenzt wachsen können, liegen beim beschränkten und logistischen Wachstum Grenzen vor, die nicht überschritten werden können.
Beim linearen Wachstum ist die Zunahme zu jedem Zeitpunkt gleich groß, weshalb die Wachstumsfunktion im Koordinatensystem einer Geraden gleicht. Ein Beispiel für lineares Wachstum ist das Sparen, bei dem regelmäßig ein gleich bleibender Betrag in eine Spardose gezahlt wird.
Beim exponentiellen Wachstum ist die Zunahme nicht konstant, sondern proportional zum aktuellen Bestand. Deshalb wächst bei einem solchen Wachstum der Bestand zunächst nur langsam an, entwickelt dann aber ein immer stärkeres Wachstum und geht schließlich in eine fast senkrechte Zunahme über. Dies kann natürlich genauso auch mit negativem Wachstum stattfinden. Wenn man Geld bei einer Bank anlegt, und dafür Zins und Zinseszins erhält, dann wächst das Guthaben exponentiell.
Beschränktes und logistisches Wachstum dagegen kennen eine Grenze, die nicht überschritten werden kann. Die Wachstumsrate beim begrenzten Wachstum nimmt ab, je näher die Grenze kommt. Sie nähert sich dann der Grenze an, bis die Wachstumsrate gegen Null strebt. Das anfangs erwähnte Wachstum des menschlichen Körpers im Laufe eines Lebens ist ein Beispiel für ein solches beschränktes Wachstum.
Auch logistisches Wachstum kennt eine natürliche Grenze. Zu Beginn ist bei dieser Wachstumsart das Wachstum exponentiell. Ist dann aber die Hälfte der Sättigungsgrenze erreicht, nimmt das Wachstum ab und wird zu beschränktem Wachstum. Der Bestand nähert sich der natürlichen Grenze und das Wachstum wird extrem gering. Ein Beispiel für logistisches Wachstum sind Prognosen für die Entwicklung der Weltbevölkerung, die in der Zukunft von einer Sättigungsgrenze von 11 Milliarden Menschen und damit von logistischem Wachstum ausgehen.
Die meisten Wachstumsvorgänge in der Natur verlaufen ähnlich dem Modell des begrenzten Wachstums, denn Kapazitäten von Ökosystemen sind begrenzt, weshalb in der Natur nichts unendlich wachsen kann, auch nicht die Anzahl der auf diesem Planeten lebenden Menschen. Für jedes natürliche Wachstum gibt es somit eine Obergrenze. Lineares und exponentielles Wachstum findet man dagegen vor allem in abstrakteren Zusammenhängen wie dem Geldsystem. In der Natur gibt es diese Form des unbegrenzten Wachstums nur sehr selten.
Ein Beispiel für dieses ungewöhnliche Vorkommen ist das exponentielle Wachstumsverhalten des Krebs beim Befall eines Organismus. Zuerst entwickelt sich der Krebs nur langsam, dann aber nimmt sein Wachstum rapide zu. Aus einer Zelle werden 2, aus 2 werden 4, daraus 8, 16, 32, 64, 128, 256, 512 usw. Der Krebs kennt keine natürliche Grenze und wächst unaufhaltsam weiter. Wenn er entdeckt wird, hat er dann oft schon ein fortgeschrittenes Stadium erreicht und es wird schwer ihn zu heilen. Ein solches exponentielles Wachstum in der Natur findet meist dort statt, wo Krankheit oder gar Tod die Folge sind. Der Krebs wuchert im menschlichen Körper und schwächt ihn dabei, bis dieser nicht mehr weiter belastbar ist. Letztlich geht aber mit dem befallenen Organismus auch der Krebs selbst zugrunde.
Sicherlich lässt sich eine Parallele ziehen zwischen dem zu Krankheit führenden exponentiellen Wachstum in der Natur und unserer auf exponentiellem Wachstum basierenden Wirtschaft. Unbegrenztes Wachstum kann langfristig auch für unser Wirtschafts- und Finanzsystem schädlich sein und zu einem Kollaps führen. Unser Leben mag uns zwar oft unabhängig von den Kapazitäten der Natur erscheinen - alles ist immer und überall verfügbar – aber doch sind wir an die Ressourcen der Erde gebunden und nicht entkoppelt von den Bedingungen unserer Umwelt. Ein ewiges Mengenwachstum ist deshalb aufgrund der Kapazitätsgrenzen der Erde unmöglich.
In der Natur gibt es Mechanismen, die dauerhaftes exponentielles Wachstum verhindern. Ein Beispiel hierfür ist das logistische Wachstum von Hefekulturen, das von Carlson 1913 untersucht wurde. Hierbei wurde festgestellt, dass die Kultur zunächst exponentiell wuchs, dann aber zu begrenztem Wachstum überging. Beobachtungen zeigten, dass das Wachstum durch einen Alkohol gehemmt wurde, dessen Gehalt bei steigender Hefemenge zunahm. Durch negative Rückkopplung näherte sich die Hefekultur ihrem natürlichen Maximum und wuchs nicht unaufhörlich weiter.
An diesem Beispiel wird deutlich wie in natürlichen Systemen Wachstum reguliert werden kann.
Schon vor über dreißig Jahren hat der Club of Rome mit seinem Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ vor den möglichen Auswirkungen von unkontrolliertem Wachstum gewarnt. Heute scheinen mehr und mehr Menschen zu verstehen, dass ein unbegrenztes Wachstum auf Dauer nicht möglich ist.
Entsprechend der negativen Rückkopplung bei der Hefekultur, scheinen in unserem Wirtschafts- und Finanzsystem keine Mechanismen zu existieren, die das Wachstum begrenzen. Vielleicht könnte eine Orientierung an den in der Natur vorherrschenden Mechanismen auch in unseren menschlichen Lebensbereichen sinnvoll sein.
Um einen Wandel zu vollziehen hin zu einer stärker von Nachhaltigkeit geprägten Zukunft, an deren erster Stelle nicht mehr nur das Wirtschaftswachstum steht, ist es sicher auch nötig, grundsätzlich zu fragen, in was für einer Welt wir zukünftig leben wollen. Was ist uns wirklich wichtig? Was brauchen wir wirklich? Wie viel brauchen wir und was macht uns glücklich? Hier ist es wichtig zu beachten, dass für viele Menschen bei der Beantwortung dieser Fragen nicht die materiellen Güter an erster Stelle stehen. Auch ein Wachstum der Qualität, anstelle eines reinen Mengenwachstums, kann somit ein wichtiger Schritt sein auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.
Somit wäre vor allem eine Entwicklung von quantitativem zu qualitativem Wachstum, das dem anfangs erwähnten menschlichen Wachstum entspricht, eine viel versprechende, zukunftsfähige Entwicklung, die dem begrenzten System Erde gerecht werden würde.
- Seminar Uni Lüneburg
- 9. März 2010