Spitzenvertreter aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft diskutierten auf dem 2. Annual European Energy Congress in Essen die richtige Energie- und Klimastrategie.
eid Auf dem zweiten Annual European Energy Congress, der zusammen mit der "E-world" in Essen stattfand, waren Spitzen der internationalen und deutschen Klima-, Energie- und Umweltszene vertreten: Wulf Bernotat, Chef von E.ON, Fatih Birol, IEA-Chefökonom, Regine Günther, Leiterin Klima- und Energiereferat des WWF Deutschland, Lars Josefsson, Chef von Vattenfall und Klimaberater der Bundesregierung, Mojib Latif, Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Uni Kiel, Moritz Leuenberger, Schweizer Bundesrat für Umwelt und Energie, Chris Mottershead, Distinguished Advisor Energy and Environment der BP, und Reto Ringger, Chef der Sustainable Asset Management. Sie diskutierten vor etwa 100 Energieexperten über Fakten und Chancen zur Beherrschung der künftigen Energieversorgung und des Erdklimas.
Taktgeber China und Indien
China und Indien werden der Weltenergiewirtschaft und der Entwicklung des Weltklimas allein wegen ihrer großen Bevölkerungszahl den Stempel aufdrücken. Vor allem ihre Wirtschaftskraft lasse die Energienachfrage in den kommenden Jahrzehnten steigen und damit auch die Treibhausgasemissionen. Zwei Drittel des Mehrverbrauchs an Öl und drei Viertel der zusätzlichen Verfeuerung von Kohle werden in China und Indien erfolgen.
Auf der Angebotsseite werden nationale Ölfirmen und Gazprom an Einfluss gewinnen zu Lasten der privaten Ölmultis, denen der Zugang zu konventionellen Ölquellen durch wachsenden Ressourcennationalismus mehr und mehr entzogen wird und die sich nach Fatih Birols Auffassung neue Geschäftsmodelle suchen müssen, wenn sie sich nicht mit einem Nischendasein begnügen wollen. Damit seien Veränderungen zu erwarten, denn die nationalen Ölgesellschaften hätten andere Prioritäten als die privaten Ölfirmen, die mehr aus der Sicht der Ölkonsumenten in den Industrieländern gehandelt hätten.
Wird der Energiebedarf der Welt künftig weiter so gedeckt werden wie bisher, steigt laut Birol der Treibhausgasausstoß der Welt bis 2030 auf 42 Milliarden Tonnen CO2-Einheiten und die Temperatur um 6° C. Um diesen Temperaturanstieg auf 2° C zu begrenzen, dürften 2030 nur 23 Milliarden Tonnen C02-Äquivalente emittiert werden. Zum Erreichen dieses Ziels muss nach Berechnungen der IEA die Energieeffizienz jährlich um 2,7 Prozent erhöht werden - in den letzten 20 Jahren waren es jährlich nur 1,7 Prozent. Außerdem dürften ab 2013 nur C02-freie Kraftwerke in Betrieb gehen, wobei die IEA von einem Mix von jeweils ein Drittel Kraftwerke mit C02-Abtrennung und Speicherung (CCS-Technik), Kraftwerken, die Bioenergie verwenden, und Kernkraftwerken ausgeht. D.h. per annum müssten mehr als 20 CCS-Kohlekraftwerke, 30 Kernkraftwerke und 50 GW Windkraftanlagen ans Netz gehen.
30 neue KKW pro Jahr?
Birols Fazit lautet: Das gegenwärtige globale Energiesystem ist nicht nachhaltig. China und Indien verändern das globale Energiesystem allein durch ihre schiere Größe. Bis zum Ablauf des Kyoto-Protokolls habe man nur noch zwei Jahre Zeit, um eine neue Architektur für das globale Energiesystem zu entwerfen. Das werde nur mit China und Indien gemeinsam gelingen. In diesem Jahrzehnt werde sich entscheiden, wie das globale Energiesystem von morgen aussehen wird.
Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif bemängelte einerseits, dass man im Klimaschutz die letzten zehn Jahre verschlafen habe, dass Mittel für die Energieforschung gekürzt worden seien, so dass man heute erst die Treibhausgasemissionen unserer Eltern und Großeltern spürte. Ein Problem vor allem für kommende Generationen, denn nach seiner Ansicht ist noch keine Obergrenze für den Anstieg der Temperatur zu erkennen. Anderseits sieht er kein Energieproblem. Energie sei im Überfluss vorhanden, wenn man nur Sonne, Wind und Wasser richtig nutzen würde. Marsmenschen würden ob dieser Unterlassung nur den Kopf schütteln.
"Keiner will höhere Preise für den Klimaschutz akzeptieren"
Vattenfall-Chef Lars G. Josefsson meinte, das Energie- und Klimaproblem sei bereits allen bewusst. Die Wirtschaft habe erkannt, welche Rolle ihr zukomme, es fehle aber an öffentlicher Akzeptanz. Die Lösung des Problems koste Geld, was sich in den Preisen widerspiegele, die keiner bezahlen wolle.
E.ON-Chef Wulf Benotat meinte, vor allem die USA müssten mehr zum Klimaschutz leisten, zumal sie dafür die Mittel hätten. Aber weder dort noch hier wüssten die Bürger, was auf sie zukommt. Egal, was ein Unternehmen zum Klimaschutz leiste, man müsse die Bürger mitnehmen. Regine Günther vom WWF warf den Unternehmen vor, immer dagegen zu sein, wenn es um die Umwelt ginge. Sie leisteten zum Umweltschutz noch keinen ausreichenden Beitrag. Man müsse die Energiewirtschaft auf eine neue Grundlage stellen und von den fossilen Brennstoffen wegkommen. Man brauche Modelle für Schwellenländer und Gelder für Entwicklungsländer, um sie beim Klimaschutz zu unterstützen. Reto Ringger sprach von dem zunehmenden Interesse der Investoren an "grünen" Anlagen, aber die Finanzwelt sei noch weit von der Nachhaltigkeit entfernt.
Für Josefsson sind Energie und Klima weder ein technisches, noch ein finanzielles Problem, sondern ein politisches Phänomen, bei dem es um Gerechtigkeit und Zumutbarkeit gehe. Chris Mottershead, der den Zugang privater Ölgesellschaften zu neuen Reserven nicht so düster sieht wie Birol, hält nichts von großen "Masterplänen". Vorbilder zum Nachahmen müsse man lokal aufbauen. Bei all den düsteren oder hoffnungsvollen Zukunftsperspektiven vermisst er eine Analyse der bisherigen Auswirkungen des Kyoto-Protokolls, um dessen Fortsetzung es in Kopenhagen geht.
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 09/08 vom 25. Februar 2008 Seite 3
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