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Zusammenbruch der Zivilisation

„Inseln sind Brutkästen“, sagt die blonde Schönheit in Christopher Moore’s Roman „Himmelsgöttin“. Auf Inseln, so führt sie weiter aus, passiere alles schneller, da sie Ökosysteme in Miniaturausgaben seien. Wo Veränderungen auf der Welt Jahrhunderte und Jahrtausende brauchen würden, fänden diese auf Inseln innerhalb von Wochen, Monaten, Jahren statt.
So ist es nicht weiter verwunderlich, dass zwei Beispiele, die immer wieder für die Zerstörung durch exzessive Nutzung herhalten müssen, auf Inseln stattfinden. Und so gesehen passt das natürlich auch perfekt zum Thema des Wachstums in begrenzten Systemen.


Um das Jahr 500 n. Chr. erreicht eine Gruppe polynesischer Siedler die Insel Rapa Nui im Südpazifik. Sie ist 160km groß, 3.700km vom Festland entfernt, hauptsächlich von großen Palmen und 17 weiteren Baum-Arten bewachsen und bis dahin sehr fruchtbar.

Insel Rapa Nui

Die Siedler brachten einiges Vieh und Nutzpflanzen mit auf die Insel, und ergänzten ihre Nahrung aus dem Meer, indem sie mit großen Holzbooten Delphine fingen.
Das Leben gestaltete sich leicht auf der Insel, die Siedler hatten so Zeit für religiöse Bräuche: Neben Festen und Tänzen, die sie vermutlich regelmäßig feierten, begannen sie, aus den Felshängen auf der einen Seite der Insel, Statuen auszuhauen und an den z.T. 14km entfernten Strand zu transportieren. Die Größe der Statuen (Moai genannt) variierte zwischen zweieinhalb und neun Metern, die höchste war sogar 21 Meter hoch und etwa 240 Tonnen schwer.

Statuen Moai

Über den Transport gibt es zwei verschiedene Theorien: Zum Einen könnten die Siedler die Statuen mit Seilen aufrecht „gehend“ transportiert haben (indem sie sie immer von einer Seite zu anderen kippeln ließen und dabei kleine Schritte taten), oder aber – und das gilt als nahezu gesichert: Sie rodeten den Wald um die Statuen auf Baumstämmen rollend vorwärts bewegen zu können. Vermutlich trug also die Errichtung der Statuen neben dem Schiffbau wesentlich zur Entwaldung der Insel bei.

Um 1500 erreichte die Bevölkerung von Rapa Nui, die wir heute als Osterinsel kennen, ihren Höhepunkt: 10.000 bis 20.000 Menschen lebten zu dieser Zeit auf dem Eiland und nahmen reichlich von dem, was die Insel ihnen gab. Kurz darauf endete jedoch schlagartig die Statuenproduktion, Hungersnöte brachen aus und die Zivilisation, die sich bis dahin entwickelt hatte, brach komplett zusammen. Rivalisierende Clans kämpften um das Wenige, was die Insel noch gab.


Wie konnte es dazu kommen?
Irgendwann hatte irgendwer den letzten Baum gefällt. In erster Konsequenz konnten dadurch keine Statuen mehr transportiert werden (etwa 900 unvollendete blieben im Steinbruch zurück). In der Folge kam es aber noch viel schlimmer:

Die Häuser konnten nicht mehr repariert werden, die Menschen mussten nach und nach in Höhlen umsiedeln.
Die Boote konnten nicht mehr gebaut und repariert werden, der Fischfang fand ein Ende.
Der restliche Bodenbewuchs wurde vom Regen einfach weg geschwemmt, was der Nahrungsmittelproduktion ein jähes Ende bereitete.
Da durch fehlende Pflanzen die Feuchtigkeit nun nicht mehr im Boden gespeichert werden konnte, trocknete die Insel zunehmend aus und nahm den Menschen so langsam das Trinkwasser.
Und auch die Vogelschwärme, die bis dahin auf der Insel genistet hatten, kamen nun nicht mehr.


Als 1722 die Niederländer unter Admiral Roggeveen die Insel betraten, fanden sie 3000 Menschen vor, die unter erbärmlichen Bedingungen hausten, die Statuen standen zu dieser Zeit noch. 50 Jahre später war die Bevölkerung auf nunmehr 2000 Menschen zusammengeschrumpft, die sich in ständigem Krieg untereinander befanden; die letzten Nutztiere waren Hühner und die Moai lagen umgestürzt an den Stränden. Der Kontakt mit den Europäern gab den Insulanern den Rest – im Laufe der nächsten 100 Jahre schrumpfte die Bevölkerung bis auf 111 Menschen zusammen.

Tausende Kilometer und etwa 400 Jahre später spielte sich auf einer anderen Insel mit einer anderen Spezies ein traurigerweise ganz ähnliches Szenario ab:

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges brachte die Küstenwache der USA eine Herde von 29 Rentieren auf die unbewohnte, etwa 360km große St. Matthew’s Insel in der Beringsee. Sie sollten als Reservenahrung für Soldaten dienen. Als der Krieg beendet war, beobachtete eine Gruppe Ökologen die Population der Rentiere weiter: Mangels natürlicher Feinde wuchs die Herde innerhalb von nur zwanzig Jahren auf 6000 Tiere an. Nur drei Jahre später fanden die Ökologen 42 magere Tiere ohne Jungtiere auf der Insel vor.

Wie kam es dazu?
Die Flechte, von der sich die Rentiere bis dahin leicht hatten ernähren können, wuchs nur sehr langsam. Beim Aussetzen im Jahre 1944 war sie im Schnitt 10cm hoch, ein Großteil der Insel war damit bedeckt. Bis dahin wurde sie jedoch auch nicht in dem großen Stil vernichtet, in dem es die Rentiere nun betrieben. Zwanzig Jahre später war die Flechte nur noch 1cm dick.


Beide Beispiele haben eines gemeinsam: Die „Bevölkerungen“ der Inseln wuchsen aufgrund nicht nachhaltiger Rohstoffnutzung über die Grenzen der Belastbarkeit ihres natürlichen Lebensraumes hinaus. In beiden Fällen fehlte eine natürliche Regulierung, die dem Wachstum Einhalt gebieten konnte. Kommt es in begrenzten Systemen zu einem sogenannten „Overshoot“, also einem Überschießen der Grenze der Belastbarkeit, so folgt unweigerlicher der Zusammenbruch.
Overshoot and Collapse

Auch der Planet Erde ist so gesehen eine Insel. Zwar eine sehr große, aber bei unserem derzeitigen Stand der Technik können wir hier nicht weg. Wir können keine Ressourcen von extern importieren, um unser Überleben zu sichern. Leider deutet einiges darauf hin, dass wir bis heute an die Grenzen, oder sogar bereits über die Grenzen der Belastbarkeit des Ökosystems „Erde“ hinausgewachsen sind.

Wachstum der Weltbevölkerung


Welt Ölförderung


Der Rohstoff, der uns dabei behilflich war, ist das Erdöl: Durch Erdöl war es uns möglich, effektiveren Ackerbau zu betrieben, den weltweiten Handel zu beschleunigen und noch viele Dinge mehr. Aber eine wichtige Sache haben wir dabei bis vor kurzem außer Acht gelassen: Das Erdöl wird nicht ewig vorhanden sein. Irgendwann werden wir ohne diesen kostbaren Rohstoff auskommen müssen, und leider haben wir es auch bis jetzt verpasst, ein angemessenes Substitut zu finden. Werden wir also in Bälde wieder so leben müssen, wie es die Menschen im Mittelalter taten? Wird die Bevölkerung des Planeten zusammenbrechen und was kommt dann? Wird der Gegenstand so vieler Science-Fiction Filme wahr?


Die wenigen Überlebenden auf der Osterinsel befanden sich in ständigem Krieg untereinander – um die letzten verbleibenden Ressourcen. Vor einigen Monaten titelten auch bei uns bereits die ersten Magazine vom Krieg um den Rohstoff Wasser; dass es beim Öl längst soweit ist, zeigt nicht zuletzt der Einmarsch der Amerikaner in den Irak.

Interessant ist die Frage nach den potentiellen Substituten: Was könnte diesen genialen Rohstoff „Öl“ auch nur annähernd ersetzen? Und wird es von dem neuen Stoff genug geben?
Zunächst mal sei dazu gesagt, dass die Begriffe von der regenerativen Energie und der nicht erneuerbaren Energie eigentlich verkehrt sind, denn Öl erneuert sich durchaus. Nur erneuert es sich für menschliche Zeitrechnungen einfach nicht schnell genug. Und Wind und Wasser und Sonne sind ganz und gar nicht regenerativ, vor allem die Sonne nicht – aber ihr Schwinden ist in menschlichen Zeitrechnungen einfach nicht zu fassen, so dass sie durchaus als „unbegrenzter“ Energielieferant gesehen werden kann.

Leider reicht der Raum in diesem Artikel nicht für eine umfassende Betrachtung von den in letzter Zeit so hoch gehandelten „neuen Energien“, daher seien dazu nur einige Worte gesagt:
Auch, wenn der tatsächliche Wirkungsgrad neuer Kraftwerke noch Spielraum für Verbesserungen bietet, und auch, wenn es bei den „neuen Energien“ noch einige Herausforderungen gibt, die gemeistert werden müssen, z.B. die Speicherung der gewonnenen Energie und im Zusammenhang damit auch die teilweise recht stark schwankende Energiemenge (Sonne: Tag/Nacht, Wind: Sommer/Winter etc.), so gibt es doch vor allem viel positive Meldungen aus diesen Bereichen:

Z.B. erreichen heute marktübliche Photovoltaikanlagen zwar „nur“ Wirkungsgrade um etwa 20 Prozent. Doch beträgt die täglich auf die Erde einstrahlende Energie der Sonne das rund 10.000-fache der heute vom Menschen benötigten Energie. So haben Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt ergeben, „dass mit weniger als 0,3 Prozent der verfügbaren Wüstengebiete in Nord-Afrika und im Nahen Osten durch Solarthermische Kraftwerke genügend Strom und Trinkwasser für den steigenden Bedarf dieser Länder sowie für Europa erzeugt werden kann.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Erneuerbare_Energie, 31.12.2008)


Die Weltfinanzkrise zeigt uns gerade, welche globalen Auswirkungen ein Problem haben kann, das dem ersten Anschein nach erstmal ein amerikanisches ist. „Peak Oil“ dagegen ist ein Problem, das uns von Anfang an alle angeht. Wie schnell man ein echtes Problem bekommt, wenn einem das Öl ausgeht, merkte eine befreundete Familie dieses Jahr kurz vor Weihnachten: Plötzlich blieben die Heizungen einfach kalt, und das bei nachts unter 0°C. Wie wird es uns also erst ergehen, wenn der ganzen Welt, die damit nicht nur Heizungen betreibt, das Öl ausgeht?

Die „neuen Energien“ zeigen, dass es Wege aus der Krise – noch besser, Wege um die Krise herum – geben kann. Jetzt liegt es an uns, hier zu investieren. Hier jeden Einzelnen in der Verantwortung zu sehen, wenn es z.B. darum geht, ein Haus zu bauen, ein Auto zu kaufen oder was es auch immer sein mag, so dass es uns auch in Zukunft möglich sein kann, unseren gewonnenen Standard zu halten (ist uns daran nicht allen gelegen?) - und diesen nicht nur zu einem nahezu unbezahlbar teuren Privileg zu machen, wie es bei gleich bleibender Ölnutzung ohne Alternativen der Fall wäre – und vielfach heute schon ist.


Jan-Bennet Voltmer
Leuphana Universität Lüneburg
Seminarbeitrag im Modul "Wissenschaft trägt Verantwortung"
WS 2008/09

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