Unseren neuen Kommentar für den 07.12.16 finden Sie hier.


Banken, Regierungen und das Volk

Eine ordentliche Portion interpretatives Wohlwollen ist gefragt, wenn man die Ölpreisbewegungen der letzten Tage noch als Seitwärtstrend verstehen will. Auf das Jahr bezogen geht die Interpretation in Ordnung. Kurzfristig kann die Deutung nur Aufwärtstrend lauten. Nach anfänglicher Raserei ist dieser Aufwärtstrend inzwischen zur Ruhe gekommen. Für die Ruhe und die vorausgegangene Raserei gibt es Gründe, die allesamt nicht im Ölmarkt zu suchen sind. Physisch ist der Markt vollkommen entspannt. Kein Hurrikan, kein Terroranschlag, kein offen ausgebrochener Krieg ums Öl, keine blockierten Transportwege, stattdessen ein mehr als auskömmliches Angebot, weit über dem Durchschnitt befüllte Tanklager, neue Ölfunde im Irak, die die noch verbleibenden Reserven spürbar steigern, und last but not least die nachlassende Nachfrage in den OECD-Ländern mit dem besonders zur Schwindsucht neigenden Superverbraucher USA an der Spitze. Man hat Mühe, ein wenig bullisches Beiwerk im durch und durch bärischen Argumentarium zu finden. Ein Hafenarbeiterstreik in Frankreich darf dafür herhalten. Dieser Streik dauert mittlerweise 16 Tage. Er setzt bisher 37 mit Öl beladene Schiffe fest, die auf Löschung warten. International ist dieser Streik unbedeutend. Allenfalls im Süden Deutschlands könnte er zu Preiserhöhungen von Ölprodukten führen, weil eine ungeplant hohe Nachfrage zur teilweisen Substitution fehlender Mengen in Frankreich einsetzt. Nicht zu vergessen ist in der schwach besetzten bullischen Abteilung schließlich der in einigen Jahren erwartete Versorgungsengpass aufgrund versiegender Ölquellen. Es wäre fatal, diesen zu ignorieren. Es ist allerdings abwegig, diesen heute einzupreisen.

Was aber hat die Preise in einem überwiegend bärischen Umfeld zur bullischen Raserei getrieben? Die Antwort ist so simpel wie nervig. Es war die Finanzindustrie. Über ihre Flucht aus dem Dollar in andere Anlagen, wozu das Öl gehört, wurde an dieser Stelle mehrfach berichtet. Nun können wir diesen Berichten Zahlen beifügen. In der Zeit vom 28. September bis zum 4. Oktober führte die Dollarflucht zu einer sechsprozentigen Zunahme der Engagements in Rohölpapieren an der New Yorker Börse. Dabei verdoppelte sich die Nettobilanz bullisch eingestellter Großspekulanten. Zum Verständnis müssen die Daten in einen langfristigen Kontext gestellt werden. Dieser schließt die Zeit der großen Ölpreisblase im Jahr 2008 und davor ein. Das aktuelle Engagement in Rohölpapieren ist keine zehn Prozent geringer als das höchste Engagement während des Aufbaus der Ölpreisexzesse. Der Überhang der Finanzindustrie an bullischen Positionen liegt ebenfalls keine zehn Prozent unter dem damaligen Wert. In absoluten Zahlen ausgedrückt ist das bullische Engagement sogar höher. Noch deutlicher kommt der Einfluss der Bankenszene in den Zahlen zum Handel mit Heizölpapieren in New York zum Ausdruck. Das Engagement steht auf einem historischen Hoch. Es ist über 40 Prozent höher als in der Phase des Aufbaus der Ölpreisblase. Die bullische Nettobilanz der Finanzjongleure war lediglich im letzten Winter etwas höher als heute. Es ist absehbar, dass sie im kommenden Winter ein neues Hoch erreichen wird. Die hier zusammengefassten Zahlen stammen von der US Commodity Futures Trading Commission. Sie erlauben die Schlussfolgerung, dass die Ölpreise in noch stärkerem Maß als früher durch die Interessen der Finanzbranche getrieben werden. Dieser Branche stehen, den Rettungsmaßnahmen der Regierungen sei Dank, heute höhere Finanzmittel zur Verfügung als vor der Finanzkrise. Diese Mittel haben keine realwirtschaftliche Bedeutung. Sie werden ausschließlich zur Preismanipulation eingesetzt. Es ist klar, dass Ölpreise in einem solchen Umfeld nicht mehr auf physische Angebots-Nachfrage-Einflüsse reagieren. Damit ist nicht gesagt, dass der physische Einfluss nicht dann und wann bis in die Schaltzentralen der Finanzindustrie durchdringt und dem realen Marktgeschehen folgt. Die Finanzindustrie muss das nur zulassen. Während sie sich mit Devisenproblemen herumschlägt, wird sie mit Sicherheit keine Offenheit für das reale Ölmarktgeschehen haben.

Das Versprechen der mit Volkes Geld rettenden Regierungen lautete vor zwei Jahren, die Exzesse der Finanzindustrie einzustellen. Dieses Versprechen haben sie bis heute nicht eingelöst. Ganz so tatenlos wie die Vorgänge am Ölmarkt dies nahe legen, waren die Regierungen aber nicht. Es gibt mittlerweile ein paar neue Regeln. Die führen dazu, dass US-Banken ihre Geschäftsmodelle präzisieren müssen, entweder Geschäftsbank oder Investmentbank. Die Vorbereitungen zur Separierung des Geschäfts sind in Arbeit. Zudem müssen Banken mehr Eigenkapital vorhalten. Beides trübt ihre Gewinnmöglichkeiten. Darunter leiden sie. Mehr als unter den Reglementierungen der Regierungen leidet die Investmentszene allerdings am ausbleibenden Kundeninteresse. Das Gros der nicht institutionellen Anleger ist offensichtlich mehr als Banken und Regierungen zu einem Paradigmenwechsel bereit. Ihr Renditeverständnis so wie ihr Verhältnis zu großen gesellschaftlichen Fragen ist in Bewegung. Das anzuerkennen, ist der kleine, elitäre Teil der Bevölkerung, der sich an den Hebeln der Macht wähnt, offensichtlich nicht bereit. Ausdruck findet die kommunikative Entzweiung der beiden Bevölkerungsteile in diversen Unmutsäußerungen auf den Straßen. Diese werden in nächster Zeit wohl eher zu- als abnehmen.

Am Ölmarkt nehmen die Preise heute Morgen ab. Grund hierfür ist nicht etwa die Anerkennung, dass der Markt überversorgt ist. Die Preisbewegung hat ihren Ursprung im Dollaranstieg. Der wiederum geht auf eine mögliche Annäherung der chinesischen Wechselkurspolitik an US-amerikanische Forderungen zurück. Die Tonne Gasöl kostet 713,50 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 81,46 Dollar und in London 82,97 Dollar. Der US-Dollar wird zu 72,31 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise bleiben ihrem Seitwärtstrend treu. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass das Wechselspiel zwischen Dollar und Ölpreis, das diesen Seitwärtstrend begünstigt, zu Ende gehen wird. Öl und Dollar bilden ein Investmentpaar, das ein hohes Eigenleben zeigt. Die Einflüsse des physischen Ölmarkts zeigen seit geraumer Zeit so gut wie keine Wirkung. Einzig im Südwesten Deutschlands könnte es in den kommenden Tagen zu untypischen Preissteigerungen wegen des Hafenarbeiterstreiks in Frankreich mit der Folge ausbleibender Öllieferungen kommen. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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