Unseren neuen Kommentar für den 08.12.16 finden Sie hier.


Das Ringen um Erklärung

Die Bedeutung der US-Bestandsdaten wird an den Börsen im Allgemeinen überbewertet. Die Daten erscheinen wöchentlich. Aufgrund der kurzen Frequenz kommt es leicht zu Abgrenzungsdifferenzen und damit zu Fehleinschätzungen der realen Lage. Die Finanzszene lebt gut mit dieser Tatsache, denn sie passt hervorragend in das nervöse Geschäft um Halbwissen und Stimmungen. Gestern wurde den Bestandsdaten in der Hoffnung auf eine Überraschung wieder einmal besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die Überraschung wäre ein deutlicher Abbau der rekordverdächtig vollen US-Lager. Es gab keinen Abbau. Im Gegenteil, die Pegel in den Tanks stiegen weiter an. In Summe über alle Produkte befinden sie sich rund ein Prozent unter dem historischen Höchstwert aus dem Spätsommer des letzten Jahres. Damit ist klar, dass die USA nach wie vor mehr als auskömmlich mit Öl versorgt sind oder anders ausgedrückt dass es keinen Grund für hohe Ölpreise gibt, der auf die aktuelle Versorgungslage zurückzuführen wäre.

Diese Aussage ist mit Kenntnis der Einzelvorräte gegebenenfalls zu differenzieren. Die entsprechenden Daten der berichtenden Institutionen DOE (Department of Energy) API (American Petroleum Institute) lauten wie folgt:

Rohöl: +1,9 Mio. Barrel (DOE) bzw. -0,6 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: +0,3 Mio. Barrel (DOE) bzw. -0,5 Mio. Barrel (API)
Benzin: +4,7 Mio. Barrel (DOE) bzw. +3,2 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Aufbau von 6,9 (DOE) bzw. 2,1 (API) Mio. Barrel. Die Raffinerieauslastung beträgt unverändert 85 Prozent. Die Rohölbestände befinden sich knapp zehn Prozent unter dem Hoch vom Frühjahr 2009. Im Zweijahresvergleich ist dass Niveau derzeit eher unterdurchschnittlich. Im Fünfjahresvergleich ist es relativ hoch, weil der starke Einbruch im Jahr 2008 dazwischen liegt. Die Destillatevorräte (Heizöl und Diesel), die in den USA mit der Heizsaison gehen, sind trotz des kalten Winterverlaufs für die Jahreszeit extrem hoch. Die Benzinvorräte stehen sogar auf einem historischen Höchststand.

Die Lage in den Lagern impliziert, dass die USA unerwartet wenig Ölprodukte nachfragen. Dem Jubel über die positive Konjunkturentwicklung scheint keine realwirtschaftliche Entsprechung gegenüberzustehen, zumindest keine, die sich in der Ölnachfrage widerspiegelt. Die im letzten Jahr mehrmals erhöhten Prognosen sind offensichtlich unzutreffend. Der Abfluss des zur Verfügung stehenden Öls klemmt eher bei den Produkten als beim Rohöl. Dass dieser Abfluss klemmt, ist vor dem Hintergrund kommunizierter Versorgungsanspannungen in anderen Teilen der Welt geradezu unbegreiflich. Üblicherweise wird Öl dorthin verschifft, wo es gebraucht und gut bezahlt wird. Es gibt infrastrukturelle Gründe, die das Verschiffen von US-Rohöl aus dem Zentrallager in Cushing Oklahoma behindern. Das Unbegreifliche an der Vorratsentwicklung spielt sich aber nicht beim Rohöl, sondern bei den Produkten ab. Die wurden jahrelang aus anderen Teilen der Welt in die USA transportiert, weil sie dort wegen zu geringer Raffineriekapazitäten fehlten. Nun fallen sie im Überfluss an. Also sollten sie heute in die Teile der Welt transportiert werden, wo sie gebraucht werden. Warum das nicht geschieht, ist eine der großen Fragen dieser Tage. Sie ist unbeantwortet.

Die Vorgänge in den US-Öllagern sind absurd. Noch absurder ist allerdings die Preisentwicklung der verschiedenen Ölsorten und Produkte. Alles, was in Sachen Öl auf Papier handelbar ist, verteuert sich in diesen Wochen. Nur US-Rohöl wird billiger. Der Abschlag auf Nordseeöl Brent beträgt mittlerweile phantastische 15 Dollar pro Barrel. Vor dem Hintergrund der unerwartet geringen Nachfrage in den USA könnte man diesen Abschlag mit Mühe irgendwie rechtfertigen. Indem aber US-Heizöl und US-Benzin, unter deren Beständen die Lager zu bersten drohen, dem allgemeinen bullischen Trend folgen, der gerne mit der weltweit steigenden Nachfrage begründet wird, platzt jedes Argument, das einen realwirtschaftlichen Zusammenhang bemüht. Was da faul ist, vermögen wir nicht zu sagen. Dass da etwas faul ist, ist evident.

Natürlich liegt es nahe, hierfür die in Preismanipulationen geübte Finanzszene verantwortlich zu machen. Sie ist wieder so stark in US-Rohöl investiert wie vor der Finanzkrise. Dass sie ausgerechnet dieses Produkt realwirtschaftlich vernünftig bepreist, während sie alle anderen Produkte überbewertet, klingt sehr verwegen. Als Erklärung taugt es wenig. So müssen wir weiterhin mit dem Mysterium leben.

Heute Morgen geben die Notierungen übrigens nach, nachdem sie gestern mit Ausnahme von US-Rohöl zulegten. Eine Tendenz kann daraus nicht abgeleitet werden. Die Trends bleiben in Gänze erhalten. Sie weisen aufwärts. Nur der US-Rohöltrend sinkt. Die Tonne Gasöl kostet 876,50 Dollar. Das Barrel Rohöl wird in New York zu 86,37 Dollar und in London zu 101,68 Dollar gehandelt. Der US-Dollar kostet 73,30 Eurocent.

Unsere Heizölpreise steigen. Der Impuls kam einmal mehr von den Ölbörsen. Es wird in den kommenden Monaten mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit noch viele dieser Impulse geben. Die Gegenstücke dazu werden hingegen seltener zu erwarten sein. Wenn sie kommen, sollte man sie zum Kauf nutzen. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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