Unseren neuen Kommentar für den 10.12.16 finden Sie hier.


Die Aufhebung der Globalisierung

Die Ölpreise steigen. Beim Blick auf die Charts ist man geneigt, das Wort planmäßig hinzuzufügen. Die Geradlinigkeit der gleitenden Durchschnitte mutet nicht wie Markt-, sondern wie Staatswirtschaft an. Einzig die Preisentwicklung für Rohöl der Sorte WTI (West Texas Intermediate) macht deutlich, dass hier vollkommen ungelenkte Kräfte am Werk sind. Das Handeln ist paradox. Das Ergebnis ist ein nie dagewesener Preisunterschied zur Sorte Brent von 18 Dollar pro Barrel, Tendenz steigend.

An Erklärungsversuchen für das Mysterium mangelt es nicht. Im Kern laufen sie darauf hinaus, dass die USA gemessen am aktuellen Konsum über zu viel Öl verfügen. Sie werden es nicht mehr los, weil ihnen die Transportmöglichkeiten zur Küste und damit zur Verschiffung fehlen. An diese Transportnotwendigkeiten dachte bisher niemand. Schließlich gilt das Land als zügelloser Verbraucher und nicht als Ölexporteur. In diesen Tagen wird das letzte Relikt in Dienst gestellt, das dem Verschwendermythos folgt, die Keystone Pipeline. Sie führt von Kanada direkt in die Gegend der USA, in der heute die Öllager überlaufen. Das klingt nach noch mehr Öl und noch größerer Preisdifferenz. Immerhin, die Pipeline soll später um Rohre nach Houston und Port Arthur erweitert werden, wo die Anbindung an Seeschiffe gegeben ist. Aber das ist Zukunftsmusik.

Was so logisch erscheint, hinterlässt bei näherer Betrachtung mehr Fragen als Antworten. Da ist zum einen die Tatsache, dass die Rohöllager weit weniger voll sind als die Produktenlager. Gleichwohl fällt der Rohölpreis in den USA, die Produktenpreise steigen hingegen wie andernorts auf der Erde auch. Die Eigenversorgung der USA mit Rohöl funktioniert schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Das Land erlebte sein Peak Oil (Erreichen des Fördermaximums) im Jahr 1970. Heute stammt nur rund ein Drittel des benötigten Öls aus eigenen Quellen. Selbst wenn man das gesamte in Kanada produzierte Öl hinzufügte, käme man nur auf eine Deckung von kaum 60 Prozent. Der Rest des benötigten Öls wird importiert. Ein Großteil kommt aus Mexiko und Venezuela. Nennenswerte Ströme gibt es auch aus dem Nahen Osten und aus Westafrika. Sollten die USA im Binnenland tatsächlich im Öl ertrinken, läge die Lösung des Problems nicht in einer zukünftig zu bauenden Pipeline zu den Exporthäfen, sondern im umgehenden Stopp des Imports aus Ländern, die genauso gut nach China liefern können. Das entspräche dann auch den Selbstverständlichkeiten der Globalisierung mit dem temporären Effekt günstigeren Öls.

Da der Rohölpreis in den USA sinkt, die Produktenpreise aber mit dem Weltmarkt steigen, müssten sich US-Raffineure eine goldene Nase verdienen. Davon ist uns aber nichts bekannt. Im Gegenteil, sie klagen über ein schwieriges Geschäft. Wer aber profitiert vom niedrigen Rohölpreis? Der Verdacht liegt nahe, dass die Finanzszene ein ganz neues Spiel mit Öl gefunden hat. Es findet nicht nur auf Papier, sondern auch physisch statt. Möglicherweise kaufen Goldman Sachs und Co. in den USA alles verfügbare Öl auf, um es in angemieteten Tanks zu lagern. Je voller diese Lager werden, an deren Sinken sie derzeit kein Interesse haben, desto billiger können sie noch mehr Öl kaufen. Im Gegensatz zu einem Kaufmann, der am schnellen Umschlag seiner Ware interessiert ist und sich zu diesem Zweck alle denkbaren Vertriebskanäle eröffnet, beschäftigt sich die Finanzszene mit dem Horten von Kapital. Öl ist Kapital. Langfristig ist es angesichts der Situation des Finanzsystems allemal wertstabiler als Geld. Indem der Finanzszene nun auch noch der Splitt zwischen den Preisentwicklungen der beiden großen Rohölsorten Brent und WTI gelingt, gewinnt sie doppelt. An den kurzfristigen Preisbewegungen bereichert sie sich über Ölkontrakte. An den langfristigen wird sie mit physischem Öl verdienen. Natürlich ist der geäußerte Verdacht eine Hypothese. Diese hat im Gegensatz zu den bisher von Journalisten angebotenen Erklärungen eine schwer bestreitbare Logik. Um eine überprüfbare Begründung für die mysteriöse Preisentwicklung zu finden, bedarf es des forschenden Journalismus. Der ist, anders als die aktuelle Verfügbarkeit von Öl, wirklich eine Mangelerscheinung.

Das Engagement in Rohölkontrakte der Sorte WTI und ihre bullische Einstellung ist seitens der Finanzindustrie übrigens so hoch wie nie. Man stört sich offensichtlich keineswegs am sinkenden Preis des Rohstoffs. Das lässt eine gewisse Sicherheit bezüglich der Preissteuerung vermuten. Über eine solche Sicherheit und Klarheit verfügen die alten Industriestaaten nicht mehr. Ihr Umgang mit dem Finanzsystem ist eher ein experimenteller. Verbraucher haben keine Chancengleichheit beim Spiel ums große Geld. Die Reduzierung von Energieströmen ist für sie zielführender als die Spekulation auf ein Einsehen der Märkte.

Heute Morgen geht das Spiel in gewohnter Weise weiter. Alle Ölnotierungen mit Ausnahme von WTI tendieren aufwärts. Beim Dollar ist die Richtung noch nicht klar. Die Tonne Gasöl kostet 893,50 Dollar. Das Barrel Rohöl wird in New York zu 85 Dollar und in London zu 103,61 Dollar gehandelt. Der US-Dollar kostet 73,99 Eurocent.

Unsere Heizölpreise steigen. Ihr Trend weist ungebrochen in die Höhe. Ein Ende der Rallye ist nicht in Sicht. Verbraucher sind gut beraten, mit der Annahme eines längerfristigen Trends zu planen. Das führt unweigerlich zu der Aussage, dass Öl lieber heute als morgen zu kaufen ist. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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