Unseren neuen Kommentar für den 07.12.16 finden Sie hier.


Die Welt ist ein Casino

Das Nichtereignis ist eingetreten. Die Veröffentlichung der wöchentlichen US-Bestandsdaten ist so einflussreich auf die Preisbildung wie sie brauchbar für die Lagebeschreibung des Ölmarkts ist. Folgende Daten haben DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute) gestern zu Protokoll gegeben:

Rohöl: +1,7 Mio. Barrel (DOE) bzw. -1,5 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: -1,1 Mio. Barrel (DOE) bzw. -1,0 Mio. Barrel (API)
Benzin: -0,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. +2,1 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Aufbau von 0,4 (DOE) bzw. ein Abbau von 0,4 (API) Mio. Barrel. In einfachen Worten, es ergibt sich gar nichts. Die Zahlen sind widersprüchlich. Keineswegs widersprüchlich ist dagegen die Tatsache, dass die Lager seit Monaten extrem voll sind und dass es kein Anzeichen einer Änderung dieses Zustands gibt. Die Ölnachfrage ist gering. Das Angebot ist hoch. Es könnte bei Bedarf auch deutlich höher sein. Die Importe sind tiefer als in der Vorwoche und im Vorjahr. Die US-Raffinerieverfügbarkeit beträgt weiterhin 85 Prozent. Der Wert ist gering. Dennoch ist er gut. Der Markt verlangt keine höhere Auslastung. Raffinerien sind kein Problemthema mehr. Das liegt an der schwachen Nachfrage und am Zubau von Kapazitäten in anderen Teilen der Welt.

Wer nach dieser Zustandsbeschreibung meint, die Preise müssen sinken, hat Recht. Nach Veröffentlichung der Daten sanken sie auch, in einem Zeitraum von fünf bis zehn Minuten. Dann kam es zu dem kollektiven Entschluss, weiterhin im Überfluss vorhandenes Geld auf steigende Kurse in den Markt zu pumpen. Was sollten die Preise mit diesem Angebot machen? Sie nahmen es an und stiegen. Nun sind sie auf einem neuen Jahreshoch. Es gibt eine bemerkenswerte Ausnahme. Die betrifft US-Rohöl WTI (West Texas Intermediate). Das üblicherweise so gefragte Öl hält im bullischen Treiben nicht mehr mit. Es läuft deutlich hinter allen anderen Sorten hinterher. Für dieses Phänomen haben wir zwei Erklärungen im Angebot. Erstens: Die Sorte ist weniger gefragt, weil die US-Nachfrage stark lahmt, genauer gesagt, weil die US-Raffinerien so wenig raffinieren. Zweitens: Die Futures zu dieser Sorte waren in der Vergangenheit das Hauptspekulationsobjekt im Ölgeschäft. Nun stehen sie unter verstärkter Beobachtung der Kontrollinstanzen. Es ist zu erwarten, dass diese genauer hinsehen werden als bisher. Da sich Spekulanten ungern beobachten lassen, haben sie ihre Geschäfte auf andere Kontrakte verlegt. Das sind Brentpapiere sowie Kontrakte auf Gasöl und Heizöl. Letztere erleben seit Monaten einen aus Marktsicht unerklärlichen Aufschwung der Handelsaktivitäten. Dabei sind die großen Spekulanten außerordentlich bullisch eingestellt.

Auf eine Gasöl- oder Heizölklemme können die Spekulanten nicht ernsthaft setzen. Die gibt es in dem Zeitraum, in dem Spekulanten Renditen erwarten, nicht. Sinn macht die Angelegenheit nur, wenn man sie als pures Wettgeschäft versteht. Man setzt auf etwas in der Hoffnung, dass andere später auch darauf setzen. Das ist ganz großes Casino. Wie man sieht, geht die Wette auf.

Die Hoffnung, dass die Politik derartige Geschäfte, die die reale Wirtschaft und das Gros aller Verbraucher negativ trifft, abstellt, ist vollkommen unangebracht. Über Einschränkungen bestimmter Börsengeschäfte wird seit bald einem Jahrhundert diskutiert, ohne dass dabei etwas Greifbares für die ungewollt Betroffenen herausgekommen ist. Es wird keine nennenswerten Einschränkungen von Spekulation geben. Die Chance, solche Einschränkungen durchzusetzen, gab es zwischen der Lehman-Pleite und dem zweiten Quartal dieses Jahres. Es war die Zeit, in der Banker und Spekulanten im Büßergewand dastanden. Das haben sie längst abgelegt. Sie strotzen wieder vor Selbstbewusstsein. Dazu haben sie, zumindest im eigenen Wertekontext, guten Grund, denn sie haben Politik und Gesellschaft in genialer Weise übervorteilt. Sie haben hoch gepokert und alles gewonnen.

Wie kann sich ein Verbraucher nun gegen die Dominanz der großen Spieler schützen? Kompletten Schutz gibt es nicht. Es gibt allenfalls relativen Schutz im Sinne von Dämpfung der Auswirkung. Ein Verbraucher kann mitspielen. Dazu gibt es einiges zu sagen. Das folgt in späteren Kommentaren. In beschränktem Sinn ist das Spielen mit dem Zeitpunkt einer Heizölbestellung bereits ein Mitspielen. Man kann darauf setzen, dass sich die großen Spieler früher oder später verzocken. Das sind die Momente des gewitzten Käufers. Bisweilen geht das Wartespiel allerdings nicht auf, weil die Zeiträume nicht zum jeweiligen Bedarf passen. Dieses Risiko gehört zum Spiel. Zusätzlich kann man daran arbeiten, eine größere Unabhängigkeit vom Stoff der Spekulation selbst zu erlangen, den Verbrauch von Öl, Gas, Strom und anderen Verbrauchsstoffen, wozu bei stärkerer Nutzung auch Holz gehören wird, einzuschränken. Das heißt, das Haus zu dämmen und eine moderne Heizung zu installieren. Unverständlicherweise ist die Heizungsmodernisierung nicht die Sache der Deutschen. Unsere europäischen Nachbarn sind uns hierin weit voraus. Briten, Italiener, Belgier und Franzosen modernisieren deutlich mehr als wir.

Zurück zum Ölpreis. Heute Morgen zeigt der keine Schwäche. Allem Anschein nach wird er weiter steigen. Die Tonne Gasöl kostet 606 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 72,00 Dollar. Brent kostet 75,60 Dollar. Der US-Dollar wird zu 69,46 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise steigen weiter. Trotz der deutlichen Aufwärtsbewegung sind sie noch fast ein Drittel günstiger als vor einem Jahr. Dieser Vorteil wird geringer werden. Es kann durchaus sinnvoll sein, auf einen Preisverfall in der zweiten Jahreshälfte zu setzen. Wir glauben daran, dass er kommt. Ob er allerdings zu tieferen Preisen als heute führt, ist fraglich. Denn vor dem Fall steigt der Preis. Dafür sorgen geldschwere Spekulanten. Es macht allemal Sinn, den eigenen Verbrauch zu reduzieren, um sich damit ein Stück Unabhängigkeit von unkalkulierbaren Preisturbulenzen zu erkaufen. Hilfreiche Informationen findet man in unserem Logbuch für den Heizölverbrauch.

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