Unseren neuen Kommentar für den 09.12.16 finden Sie hier.


Es ist Aufschwung

Es wird viel von Aufschwung geredet in dieser Zeit. Aufschwung findet statt. Die Finanzindustrie kann ihn für sich reklamieren. Die Ölindustrie kann das nicht. Sie leidet. Zugegeben, das Leiden findet auf hohem Niveau statt. Wer die Taschen voll Geld hat, sollte nicht leiden. Aber wie im richtigen Leben bestimmt nicht der Zustand selbst sondern seine Veränderung die Stimmungslage. Unten zu sein und den Weg nach oben zu nehmen, sorgt üblicherweise für gute Laune. Aus heutiger Sicht war die Ölindustrie ganz oben. Da kann sie sich nicht halten. Sie steigt ab und deshalb leidet sie. Grund für den Abstieg ist die schwache Ölnachfrage und das hohe Ölangebot. Insbesondere Ölprodukte, also alles was aus Raffinerien herauskommt, gibt es im Überfluss. Daraus darf man schließen, dass die Raffineriekapazitäten zu hoch sind.

Dieser Schluss mag eingefleischte Leser unserer Kommentare erstaunen. Über Jahre mussten sie zur Kenntnis nehmen, dass Raffineriekapazitäten das Bottle Neck der Ölversorgung sind. Sie waren für den einen oder anderen Aufwärtstrend der Preise verantwortlich. Sie waren es hauptsächlich, die alljährlich um die Osterzeit die Benzinpreise in die Höhe schnellen ließen. Und nun soll das alles anders sein? Es ist alles anders. Die Entwicklung ist für die Ölindustrie im wahren Sinn dumm gelaufen. Sie ist von zwei Seiten in die Zange genommen. Die Nachfrage fehlt. Aus dieser Tatsache kann der geneigte Leser eigene Schlüsse zum Zustand des Wirtschaftsaufschwungs ziehen. Das Angebot ist zu groß, weil in jüngerer Zeit neue Raffinerien in Dienst gestellt wurden. Als die Wirtschaft brummte und die Raffinerien überlastet waren, wurden neue Anlagen projektiert. Nun sind sie fertig. Die Wirtschaft brummt aber nicht mehr. Als die Kapazitäten knapp waren, verdienten sich die Ölgesellschaften dumm und dusselig. Nun legen sie in vielen Fällen für jede produzierte Tonne Ölprodukt Geld drauf. Die Geschichte wiederholt sich. Eine ähnliche Situation gab es in den 1980er Jahren. In eine Phase massiven Ausbaus der Ölinfrastruktur schlug eine gewaltige Rezession hinein. Die Ölpreise erodierten. Viele Gesellschaften gingen bankrott.

Der Bankrott ist heute noch kein Thema. Die Geschichte hat eine gewisse Vorsicht einkehren lassen. Nicht zuletzt deshalb sind die Gewinne in den letzten Jahren so exorbitant ausgefallen. Die meisten Ölgesellschaften sind trotz Krise hervorragend aufgestellt. Zudem haben sie bereits reagiert. Investitionen werden gekürzt. Personal wird entlassen. Raffinerien werden heruntergefahren. Verfügbarkeiten von unter 90 Prozent waren bis ins letzte Jahr noch katastrophal. Sie dienten den Bullen zur Preistreiberei. Heute redet man im gleichen Zusammenhang nicht mehr von Verfügbarkeit sondern von Auslastung. Und die liegt weltweit nur selten über 85 Prozent. Geringere Werte sind durchaus normal. Viele Gesellschaften wollen ihre Raffinerien loswerden. Auch hierzulande stehen Anlagen zum Verkauf. Daraus ergibt sich der Schluss, dass man in der Ölindustrie nicht mehr mit einer Steigerung der Nachfrage rechnet. Das gilt wohlgemerkt für Mitteleuropa. In Asien sieht die Sache anders aus. Dort wird die Nachfrage früher oder später wachsen. Es gibt einen großen Aufholbedarf zu den alten Industrieländern. Und dort gibt es die neuen Raffinerien. Der Export von Ölprodukten aus europäischen Raffinerien nach Asien ist deshalb kein tragfähiges Geschäftsmodell.

Angesichts der dargestellten Lage ist die Frage naheliegend, warum die Ölpreise nicht deutlich tiefer stehen. Schließlich ist ein großes Angebot und eine geringe Nachfrage die perfekte Voraussetzung für sinkende Preise. Die Antwort auf diese Frage wurde an dieser Stelle immer wieder gegeben. Die Ölpreise werden schon lange nicht mehr am realen Markt gebildet, weil Öl aus preislicher Sicht keine Ware sondern ein Finanzprodukt ist. Und das folgt den Regeln der im Aufschwung befindlichen Finanzindustrie. Vor wenigen Monaten waren wir sicher, dass die Ölpreise über lange Zeit nicht steigen werden. Diese Annahme basierte auf der Erwartung, dass Regulierungsmaßnahmen eingeführt werden, die dem Öl seinen Warencharakter zurückgeben. Die Idee war es, dass Transaktionen, die ausschließlich finanztechnischer Natur sind, im Volumen nicht über den Wert der Warentransaktionen hinausgehen können. Damit würde der Markt aus den Fängen der Finanzindustrie befreit. Er erhielte die Chance, seinen Preis wieder an Angebot und Nachfrage auszurichten. Die Regulierung wird wohl nicht kommen. Deshalb steigt der Preis mit einem nach oben offenen Ende. Kausal ist dieses Ende der nächste Finanzkollaps.

Ganz so dunkel wie die Lage der Ölindustrie beschrieben wurde, wird sie von ein paar wenigen Gesellschaften übrigens nicht gesehen. ExxonMobil, die vorsichtigste und profitabelste unter ihnen, hält am geplanten Investitionsprogramm fest. Und BP denkt sogar über eine leichte Steigerung der Investitionen für das nächste Jahr nach. Es gibt also noch Ideen, wie man im Ölgeschäft auch zukünftig mit Ware Geld verdienen kann.

Die aktuelle Preisentwicklung verspricht den Finanzjongleuren nicht per se den Gewinn. Charttechnisch sieht die Lage ausgereizt aus. Etwas Preisabgang liegt näher als die Preissteigerung. Heute Morgen deutet sich exakt diese Entwicklung an. Nennenswert wird ein Abgang, wenn er denn kommt, aber nicht werden. Die Tonne Gasöl kostet 622 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 78,83 Dollar. Der US-Dollar wird zu 66,75 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise rühren sich wenig. Rechnerisch sind sie im Vergleich zum Weltmarkt etwas zu hoch. Trotz geringer Nachfrage und der miserablen Raffineriesituation für die Ölgesellschaften, gelingt es diesen, die Preise zu stabilisieren. Verglichen mit dem Effekt, den die Preistreiberei der Finanzindustrie hat, ist die Entlastung, die im weiteren Verfall der Raffineriemargen läge, allerdings gering. Die Gefahr, dass die Preise vom Finanzmarkt weiter in die Höhe getrieben werden ist latent vorhanden. Nicht zuletzt des sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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