Unseren neuen Kommentar für den 06.12.16 finden Sie hier.


Heizölpreise: Libyen überrascht alle

Internationaler Markt

Die Ölnotierungen geben nach. Dieser Umstand ist angesichts diverser Gefahrenstellen im weltweiten Versorgungssystem, guter Konjunkturnachrichten aus China und sinkender Lagerbestände in den USA erklärungsbedürftig. Tendenziell ist die Lage eher bullisch als bärisch. Die deutliche Abwärtsbewegung der letzten Tage ist lediglich die Rücknahme einer Übertreibung. Erwartungsgemäß sollte sie sich abschwächen.

Das geschah gestern nicht. Im Gegenteil, sie legte an Dynamik zu. Ursächlich ist eine handfeste Überraschung aus Libyen. Dort einigten sich Vertreter einer Unabhängigkeitsbewegung und der Zentralregierung auf die Wiedereröffnung zweier besetzter Ölhäfen. Als Gegenleistung für den Abzug der Besetzer wird die Regierung ausstehende Löhne an Sicherheitsdienste zahlen und weitere, nicht näher genannte Zugeständnisse leisten. Wenn alles gut geht, wird Libyen in Kürze über eine halbe Million Barrel Rohöl pro Tag zusätzlich in den Markt pumpen.

Das klingt gut und verlangt selbstverständlich nach börslicher Würdigung in den Preisen. Trotzdem ist es angebracht, auf die Spaßbremse zu treten. Ankündigungen der genannten Art gab es in den letzten Monaten mehrfach. Sie blieben alle erfolglos. Bisher unterscheidet sich die aktuelle Jubelmeldung von früheren lediglich in ihrer medialen Aufmachung. Sie wurde vom Chef der Unabhängigkeitsbewegung und vom Premierminister gemeinsam im Fernsehen verkündet.

An derartigen Verhandlungsergebnissen sollten sich die Unterhändler, die den Atomstreit mit dem Iran beilegen müssen, ein Beispiel nehmen. Sie sind leider weit von einem Erfolg entfernt. Damit bleibt der Zustrom weiteren Öls aus dem Iran versagt. Derzeit muss man froh sein, wenn das bestehende vorläufige Abkommen verlängert wird. Damit würde dem Markt wenigsten kein Öl entzogen werden.

Einigermaßen beruhigend klingen Initiativen und Lage im Ukraine-Konflikt. Dieser hat bullisches Potenzial für die Ölpreise. Mittlerweile hat man sich aber an die bedrohlichen Energieszenarien und die gemäßigte Realität gewöhnt, so dass auch in dieser Angelegenheit ein moderates Auspreisen des Risikoaufschlags erfolgt.

Der Hinweis auf die Konjunkturdaten aus China kann wie folgt kommentiert werden: Das Land scheint wirtschaftlich wieder Schwung aufzunehmen. Theoretisch wächst damit der ohnehin hohe Öl- und Energiedurst rasanter. Dieser koppelt sich allerdings zeitgleich vom Wirtschaftswachstum ab, so dass die tatsächliche Konsequenz noch nicht absehbar ist. Außerdem muss sich noch zeigen, ob die positiven Daten der letzten Zeit belastbar sind.

Die US-Finanzjongleure gehen mit der Verarbeitung deutlich schlechterer Bestandsdaten als erwartet in ein langes Wochenende, das heute Abend beginnt. DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute), die beiden für die Erhebung zuständigen Institutionen, melden sowohl für Rohöl als auch für Benzin Rückgänge in den Lagern. Daraus kann man auf eine erhöhte Nachfrage schließen. Börsianer reagierten gestern kurz mit dem Kauf von Ölpapieren. Bald darauf ließen sie sich aber erneut in den Sog der libyschen Überraschung ziehen und stellten die Long-Positionen glatt. Die Bestandsänderungen zur Vorwoche lauten im Einzelnen wie folgt:

Rohöl: -3,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. -0,9 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: +1,0 Mio. Barrel (DOE) bzw. +4,4 Mio. Barrel (API)
Benzin: -1,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. -0,4 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Abbau von 3,4 (DOE) bzw. ein Aufbau von 3,1 (API) Mio. Barrel, wobei angemerkt sei, dass die API-Daten weniger Vertrauen genießen. Die Raffinerieauslastung stieg auf 91 Prozent. Sie unterstreicht die Annahme einer guten Nachfrage.

Der erste Hurrikan der Saison wird heute an der Ostküste der USA erwartet. Diese Meldung soll Ihnen nicht vorenthalten bleiben. Er wird wahrscheinlich nicht auf Land treffen. Sein Einfluss auf die Ölpreise wird damit gering ausfallen. Der Schiffstransport von Öl wird temporär gestört werden. Die Nachfrage, die am langen Wochenende eigentlich steigen sollte, könnte gleichzeitig leiden, da die Leute in den betroffenen Regionen das Auto stehen lassen und zu Hause bleiben werden.

Heute Morgen tendieren die Ölnotierungen immer noch abwärts. Die gestrige Dynamik hallt nach. Bedingt durch die neue Sicht auf Libyen könnte tatsächlich ein weiterer Preisrückgang ausgelöst werden. Die Tonne Gasöl kostet 901,75 Dollar. Das Barrel Rohöl wird in New York zu 104,12 Dollar und in London zu 110,83 Dollar gehandelt. Der Euro kostet 1,3654 US-Dollar.

Nationaler Markt

Unsere Heizölpreise geben nach. Die Vorgaben von den Börsen machen ihnen spürbaren Druck. Es sieht so aus, als sollte die Spanne des Trendkanals voll ausgenutzt werden. Das würde bedeuten, dass noch mehr Abwärts ginge.

Im Binnenmarkt sehen wir ein moderat wachsendes Kaufinteresse. Entsprechend tendiert die Anzeige in unserem Heizölkauf-Barometer nach oben, wohlgemerkt von ganz unten. Händler reduzieren als Reaktion auf die maßvolle Bestelldynamik die Rabatte in den Preisen. Verbraucher werden davon kaum etwas mitbekommen, weil der Abgang, der über die Börsen hereingedrückt wird, dominiert.

Unser mathematisches Tiefpreis-System lässt in naher Zukunft kein Kaufsignal erwarten. Das heißt aber nicht, dass ein Kauf derzeit falsch wäre. Wenn ein leerer Tank befüllt werden muss, sollte man den Preisrückgang der letzten Tage als Einladung zur Bestellung verstehen. Unsere Leser schätzen die kurzfristige Preisentwicklung sehr positiv ein. Wer es sich aufgrund des Füllgrades im Tank leisten kann, spekuliert folglich auf tiefere Preise. Wenn man sich des Risikos bewusst ist und die Preisbildung eng verfolgt, ist das eine ratsame Einstellung.

Der aktuelle Preisrückgang steht immer noch im Rang einer Gegenbewegung zum Aufwärtstrend der letzten Wochen. Als Abwärtstrend wollen wir ihn nicht interpretieren. Um einen solchen zu erzeugen, bedarf es einer grundlegenden Änderung mindestens eines Krisenfaktors, zum Beispiel der dauerhaften Steigerung der libyschen Öllieferungen. Schauen wir mal, ob es so kommt. Anlass zur Hoffnung auf günstigeres Heizöl bietet allerdings die längerfristige Preisbetrachtung. Sie zeigt einen Abwärtstrend an. Bleibt zu erwähnen, dass die aktuellen Heizölpreise deutlich unter dem Niveau der letzten beiden Jahre liegen.

Im Übrigen sind wir der Meinung, dass wir alle verbrauchsreduzierende Maßnahmen und Verhaltensweisen entwickeln müssen, um zukunftsfähig zu sein. Die prinzipiell freundliche Marktausrichtung ist kein Dauerzustand.

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