Unseren neuen Kommentar für den 02.12.16 finden Sie hier.


Illusionisten ohne Illusionen

Die Ölpreise wanken, aber sie fallen nicht. Noch fallen sie nicht. Denn noch gibt es Hoffnung, dass der Finanzzirkus zu retten ist. Er ist angeschlagen. Über seinen Zustand werden seit drei Jahren Illusionen verbreitet. Das Ende der Krise wird gepredigt. Glauben können die Ansprachen allenfalls temporär stiften. Der Glaube ist brüchig geworden. Um Preise in die Höhe zu treiben, muss er fest sein. Fester Glaube, fester Preis. Das gilt für Öl, Gold, Aktien und Häuser. Der Finanzzirkus ist eine Glaubensfrage.

Heute braucht die Welt ungefähr so viel Öl wie vor vier Jahren. Vor zwei Jahren brauchte sie rund zwei Prozent weniger. Diese kleine Zahl beschreibt die vollständige Schwankung des Konsums im genannten Zeitraum. Heute kostet Öl rund 30 Prozent mehr als vor vier Jahren. In der Zwischenzeit stieg der Preis um 100 Prozent und fiel um 75 Prozent. Der Konsum wird von den realen Bedürfnissen der Menschen bewegt. Den Preis bewegt ihr Glaube. Es ist nicht der Glaube der breiten Massen. Bewegend ist der Glaube der Hohepriester im Finanzzirkus. Bisweilen erreicht ihr Glaube die breiten Massen. Zu Zeiten der Internet- und Immobilienblase war das der Fall. Die Geschichte kennt viele Beispiele für den Glauben an das schnelle Geld. Im Bezug auf Öl glauben Finanzjongleure an Knappheit. Sie glauben aber nicht immer fest daran. Wenn sie zweifeln, verdammt sie der Preis.

Erfolgreich ist das Geschäft mit dem Glauben an das große Geld nur, wenn Energieknappheit und Wirtschaftswachstum zusammengehen. Die Illusion daran ist der Finanzszene abhanden gekommen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Illusion von der Rückzahlbarkeit der Staatsschulden, die in den alten Industriegesellschaften immer schneller wachsen, ebenfalls bröckelt. Die Illusionisten glauben nicht mehr an ihre Illusionen. Das ist der Kern der Krise, deren Ende nicht absehbar ist. Es ist als käme der Kirche der Bibelglaube abhanden. Die für den reibungslosen Finanzverkehr notwendigen Illusionen vom Wesen des Geldes, Glaube und Vertrauen an eben dieses Geld, lösen sich an der griechischen Realität gerade auf. So unbedeutend wie die Schwankung des Ölkonsums in den letzten Jahren für die reale Versorgung war, so unbedeutend ist Griechenland für die Weltwirtschaft. Für die Illusion vom Finanzsystem ist Griechenland hingegen eine Frage von sein oder nicht sein.

Die Sinnkrise hat die Finanzjongleure momentan derart tief erfasst, dass sie selbst mit den beeindruckenden Zahlen der deutschen Wirtschaftsentwicklung und mit dem Sturm und Drang unserer gesellschaftlichen Veränderung zu einer nicht fossilen Energieversorgung keine neuen Illusionen zu entwickeln vermögen. Dabei hat unsere Gesellschaft das Zeug für Illusionen, die in ihrer Größe locker mit dem Internethype der 1990er Jahre mithalten können. Es geht um den realen Versuch zur Industriegesellschaft 2.0.

Dass das Ansinnen derzeit noch stärker von Illusionen als von Realitäten bestimmt ist, sollte die Illusionisten der Finanzwelt am wenigsten stören. Schließlich sind sie großartige Vermarkter des Irrealen. Oder sollte die uns Deutschen zugetraute Realitätsnähe hinderlich für einen Hype um deutsche Finanztitel sein? Befördert die angestrebte Veränderung womöglich gar nicht die Illusion, sondern die Angst, dass Veränderung machbar ist? Stellt sie die bisher lukrativen Illusionen selbst in Frage? Soweit sind wir eigentlich noch nicht. Denn vieles, was medial und politisch in diesen Tagen schön geredet wird, ist Illusion. Eine heimische Solarversorgung, die Elektromobilität mit Autos nach heutigem Standard, der Acker, der Teller und Tank gleichermaßen bedienen kann, die rein regenerative Energiewirtschaft und vieles andere sind mehr Wunsch als Wirklichkeit für die uns lieb und teuer gewordene Industriegesellschaft. Ingenieure, die in den genannten Bereichen tätig sind, wundern sich oft über die unrealistischen Zielsetzungen unserer Zeit. Sie lösen diese nur selten auf, weil es ihnen sinnlos erscheint, gegen Illusionsmaschinerien zu kämpfen. Viele von ihnen bemühen sich um inspirierte aber nicht um illusionierte Lösungen für die Zukunft. Die traut man weltweit den hierzulande tätigen Vertretern ihrer im Vergleich zu anderen Berufszweigen knapp gewordenen Zunft besonders zu.

Mit Blick auf den Ölpreis ist es nicht bedauerlich, dass Finanzjongleure keinen Hype um Dax & Co. veranstalten. Es ist ein Zeichen geringen Vertrauens in die Weltwirtschaft und das globale Finanzsystem. Es hindert den Preis immerhin daran, zu steigen. Eventuell wird es ihn über kurz oder lang sogar noch tiefer drücken. Heute Morgen geht das Auf und Ab an den Börsen mit einem Auf beim Ölpreis weiter. Die Tonne Gasöl kostet 930,25 Dollar. Das Barrel Rohöl wird in New York zu 98,71 und in London zu 111,29 Dollar gehandelt. Der US-Dollar kostet 71,13 Eurocent.

Unsere Heizölpreise setzen ihren Seitwärtsritt fort. Von den Börsen und aus der Finanzwelt kommen keine Anzeichen, dass sich der Trend alsbald ändern sollte. Die Hoffnung auf tiefere Heizölpreise ist angesichts der Sinnkrise im Finanzzirkus angebracht. Ob diese Hoffnung realisierbar ist, bleibt eine spekulative Frage. Langfristig sicher gegen hohe Energiekosten ist nur der Weg über die Senkung des Verbrauchs. Zuhause hat das Heizen das größte Einsparpotenzial. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu heben, zum Beispiel diese hier.

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