Unseren neuen Kommentar für den 04.12.16 finden Sie hier.


Steilvorlage ungenutzt

Wie sehr die Ölpreisentwicklung zum Spielball von Finanzspekulation geworden ist, wird an der gestrigen Kursbewegung deutlich. Am Morgen stand der Preis für das Barrel Rohöl der Sorte WTI (West Texas Intermediate) bei 99 Dollar. Angesichts der streng bullischen Einschätzung des Ölmarkts sowohl fundamental als auch charttechnisch wäre das Überschreiten der 100-Dollar-Marke eine Selbstverständlichkeit. Am Nachmittag wurden die Daten über die US-Bestandsentwicklung veröffentlicht. Sie liegen unter den Erwartungen. Das ist eine Steilvorlage an die Bullen, die 100 Dollar abzuschießen. Aber sie kneifen. Die Preise purzeln.

Heute ist in den USA Thanksgiving-Day. Börsen und Banken sind geschlossen. Morgen öffnet die NYMEX (New Yorker Ölbörse) mit verkürzten Handelszeiten. Die Woche ist für viele Broker bereits beendet. Vor dem langen Wochenende lösen Spekulanten ihre Positionen aus Sorge vor einer unerwarteten Veränderung, auf die nicht reagiert werden kann, gerne auf. So geschah es auch gestern. Daher wurden die 100 Dollar nicht erreicht. Diese simple Begründung zeigt, wie wenig die Bullen ihren eigenen Argumenten trauen. Dass an diesem Wochenende ein neues Megaölfeld, in Fachkreisen Elefant genannt, gefunden wird, ist alles andere als wahrscheinlich, dass die OPEC unerwartet große Ölmengen auf den Markt wirft ebenfalls. Die defekten US-Raffinerien werden keine plötzliche Selbstheilung erleben. Es wird kein politischer Frieden zwischen dem Iran und den USA sowie zwischen der Türkei und den Kurden ausbrechen. Chinas Wirtschaft wird an diesem Wochenende nicht in die Knie gehen. Und sommerlich werden die Temperaturen auch nicht werden. Gegen welche mögliche Veränderung schützen sich Spekulanten also, wenn sie kurz vor Erreichen der 100-Dollar-Marke aus dem Markt gehen und ihre Gewinne sichern?

Es bleibt nur die Erklärung, dass sie sich vor den Gefahren der Selbsterkenntnis schützen. Die würde ihnen nämlich zeigen, dass die bullische Einschätzung des aktuellen Markts lediglich eine selbsterfüllte Prophezeiung ist. Mit der realen Versorgungslage hat sie nichts zu tun. Diese Erkenntnis hätte ähnliche Folgen wie die Entdeckung eines Elefanten.

Derartige Folgen werden nicht eintreten. Eine Selbstreflexion wird es nicht geben. Am Montag kommen die Glücksritter zurück und werden sich gegenseitig erzählen, wie dramatisch die Lage am Ölmarkt ist. Die Mutigen investieren voran. Die Ängstlichen investieren hinterher, aus Furcht einen möglichen Gewinn zu verpassen. Die 100-Dollar-Marke wird endlich fallen. Und dann?

Irgendwann wird die Wirtschaft am hohen Ölpreis ersticken. Dann wird es Erstaunen geben und die Verwunderung, warum Öl überhaupt so teuer werden konnte. Immerhin, der Ölpreis wird dann einstürzen. Die Karawane der Spekulanten wird weiterziehen zum nächsten Betätigungsfeld. So war das Muster vor Jahrhunderten im Tulpenmarkt, so war es um die Jahrtausendwende im Internetgeschäft, so war es in den letzten Jahren im US-Immobilienmarkt, so ist es jetzt im Öl und so weiter und so weiter.

Spekulativ ist auch die Dollarentwicklung. Allerdings sind die Veränderungsraten erheblich geringer als die des Ölmarkts. Der Dollar hat gestern wieder einen Tiefststand zum Euro erreicht. Begründet wird das mit schlechten Konjunkturaussichten für die USA.

Nach dem kommentierenden Teil zum Ölmarkt folgen nun die Fakten. Sie beziehen sich auf die US-Bestandsdaten. DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute) lieferten unterschiedlich zu interpretierende Zahlen. Ihre Daten lauten wie folgt:

Rohöl: -1,1 Mio. Barrel (DOE) bzw. +1,4 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: -2,4 Mio. Barrel (DOE) bzw. -3,6 Mio. Barrel (API)
Benzin: +0,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. +2,6 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Abbau von 3,3 (DOE) bzw. ein Aufbau von 0,4 (API) Mio. Barrel. Die US-Importe sind höher als in der Vorwoche und im Vorjahr. Die Raffinerieverfügbarkeit ist auf 87 Prozent gefallen.

Heute Morgen ist kaum Veränderung in den Preisen zu sehen. Mit 858 $ pro Tonne kostet Gasöl etwas mehr als gestern Abend.

Unsere Heizölpreise wurden gestern abermals teurer. Auf ein Preishoch folgt derzeit ein weiteres. In den nächsten Tagen dürfte diese Regel gebrochen werden, weil die größten Preistreiber, die US-Spekulanten, im langen Wochenende sind. Ein Ende des Anstiegs ist aber nicht in Sicht. Wer auf einen Preisrückgang setzt, braucht viel Geduld und einen hinreichend gefüllten Tank, wenn er nicht frieren will.

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