Unseren neuen Kommentar für den 08.12.16 finden Sie hier.


Versorgungslage ist keine Tragödie

Die gestern veröffentlichten US-Bestandsdaten weisen deutliche Rückgänge auf. Dennoch liegen sie im Rahmen oder sogar über den Erwartungen. Das ließ die Produktenpreise weiter fallen. Rohöl ging fast unverändert aus dem Handel. Charttechnisch ergibt sich ein neutrales Bild. Die Richtung der Preisbewegung ist offen. Der Dollar steuerte erneut gegen seinen Abwärtstrend. Die Aussicht auf Zinsanhebungen regte Devisenhändler zum Kauf an.

Die Prognosen über die Entwicklung in den US-Tanklagern waren nach dem Hurrikan Katrina düster. Die Realität kam gestern mit den Daten von DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute) ans Tageslicht. Das Fazit lautet, es hätte alles viel schlimmer kommen können. Die Daten im Einzelnen:

Rohöl: -6,4 Mio. Barrel (DOE) bzw. -14,3 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: -0,8 Mio. Barrel (DOE) bzw. -1,7 Mio. Barrel (API)
Benzin: -4,3 Mio. Barrel (DOE) bzw. -4,2 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Abbau von 11,5 (DOE) bzw. 20,2 (API) Mio. Barrel. Der DOE-Wert wirkt beruhigend. Der API-Wert gilt traditionell als übertrieben. In den Schätzungen wurde ein Verlust von 16 Mio. Barrel gehandelt. Die Rohöl- und Heizölvorräte sind weiterhin höher als im Vergleichszeitraum der letzten Jahre dieses Jahrhunderts. Lediglich Benzin liegt auf dem tiefen Niveau des Jahres 2000. Die Importe sind im Rahmen der Vorwoche und des Vorjahres. Die Raffinerieverfügbarkeit ist binnen einer Woche von 96,4% auf 86,9% eingebrochen. Im Vorjahr betrug sie 97,1%.

Die Beurteilung der weiteren Entwicklung fällt unterschiedlich aus. Aus Ölgesellschaften und Behörden kommt die Meinung, dass die Hurrikanfolgen bis Jahresende beseitigt sein werden. Aus Analystenkreisen wird kolportiert, dass die Förderung im Golf von Mexiko nachhaltig reduziert sei und den USA ein Teil des für sie raffinierbaren Öls verloren gehe. Die negative Meldung wäre die Buchstaben nicht wert, wenn ihr nicht Preisschätzungen von bis zu 100$ pro Barrel folgten.

Ihr hält der US-Energieminister Samuel Bodman die unbegrenzte Möglichkeit zur Öffnung der strategischen Reserven entgegen, mit der er die Preise in den Griff bekommen will. Aus dem Haus Bodmans stammt auch eine Absenkung der Verbrauchsprognose für 2005 und 2006. Als Ursache geben seine Leute die Preisentwicklung an. Sie werde Anstrengungen einer sparsameren Energiepolitik Nachdruck verleihen.

Szenarien vom fast unbegrenzten Wachstum der Ölnachfrage mit der Folge exorbitanter Preisentwicklungen haben Konjunktur. Sie ähneln den Beschreibungen unbegrenzter Wirtschaftsentwicklungen zur Zeit der Interneteuphorie. Es sei daran erinnert, dass Letztere eine Spekulationsblase hervorgebracht hatte, die bei Zeiten zerplatzte. Die Möglichkeit, dass Gleiches im Ölmarkt geschieht, liegt auf der Hand. Dem Überforderungsszenario der Ölversorgung lässt sich ohne viel Phantasie eine Entwicklung mit mehr Vernunft entgegenstellen. Diese wird mit Sicherheit durch die aktuell hohen Preise befördert. Warum sollten amerikanische Verbraucher nicht auch Interesse an sparsameren Autos und Raumheizungen bekommen, wenn ihr Budget knapper wird? Warum sollte die Lust an immer stärkeren Automotoren angesichts hoher Benzinpreise nicht dem Interesse an spritsparenden Technovehikeln weichen? Menschliches Verbrauchsverhalten ist wahrscheinlich durch nichts besser zu verändern als durch die Macht der Kosten.

Mit dem Nicht-Bauen von neuen Raffinerien unterstellt man Mineralölgesellschaften eine unendliche Gier nach Profit. Sie sparen nicht nur Investitionen. Sie bekommen aus der Verknappung sogar noch höhere Erlöse. Ohne Zweifel werden die Profite gerne eingeheimst. Aber ist die Zurückhaltung beim Bau einer milliardenschweren Raffinerie mit Blick auf die Veränderbarkeit von Verbrauchsgewohnheiten der breiten Masse aus Sicht einer konservativ wirtschaftenden Unternehmensführung nicht sogar angebracht? Muss sie nicht in der Tat fürchten, dass die Veränderung zu sparsamem Verbrauch der Erstellung neuer Kapazitäten entgegenläuft?

Die Preisentwicklung wird z.Z. vom Verknappungsszenario getrieben. Ein temporär aufblitzendes ?Alles halb so schlimm? schafft nur kurzfristige Entspannung. In den kommenden Jahren wird Öl teurer werden. Mit Blick auf ein Jahrzehnt wird sich die Entwicklung aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vollkommen anders darstellen als gegenwärtig.

Gestern fiel der Gasölpreis unter die Marke von 600$. Heute Morgen kostet die Tonne 597$.

Unsere Heizölpreise geben etwas nach. Nach wie vor sehen wir die Chance auf weitere Entspannung nach der Überhitzung. Sowohl fundamental als auch zeitlich passt sie ins Bild. Die preistreibenden Kräfte stehen allerdings schon in den Startlöchern, um an einer neuen Auftriebswelle zu verdienen. Es ist stark spekulativ, jetzt auf billigeres Heizöl zu setzen.

Teilen Sie uns Ihre Meinung mit!

Uns ist Ihre Meinung wichtig. Schreiben Sie mir direkt unter
E-Mail: KlausBergmann@esyoil.com

Presse-Kontakt

Weitere Informationen