Spekulanten goutieren US-Bestandsdaten verhalten
Warten auf konsolidierende Gegenreaktion.
Die Ölpreise sind in ihrem Aufwärtstrend eigentlich ausgereizt. Eine Gegenbewegung wäre fällig. Sie konnte sich gegen die geballte Macht bullischer Spekulanten aber noch nicht durchsetzen. Gestern bekam die Finanzzunft unerwartete Unterstützung durch die US-Bestandsdaten. Die Produktenvorräte sind rückläufig. Das Signal wurde sofort mit einem kräftigen Kursplus quittiert. Gehalten wurde dieses Plus allerdings nicht. Offensichtlich sehnen sich die Akteure selbst nach einer konsolidierenden Gegenbewegung. Danach spekuliert es sich entspannter auf neue Höhen.
DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute) brachten zur wöchentlichen Veränderung in den US-Tanklagern tendenziell ähnliche Zahlen heraus. Danach stiegen die Rohölvorräte, während die Produktenvorräte fielen. Lediglich die Stärke der Veränderung wird unterschiedlich genannt.
Rohöl: +1,4 Mio. Barrel (DOE) bzw. +6,5 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: -2,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. -2,8 Mio. Barrel (API)
Benzin: -2,9 Mio. Barrel (DOE) bzw. -3,2 Mio. Barrel (API)
In Summe ergibt sich ein Abbau von 3,7 (DOE) bzw. ein Aufbau von 0,5 (API) Mio. Barrel. Die Importe sind geringer als in der Vorwoche und im Vorjahr. Die Raffinerieauslastung sank auf 81 Prozent. Die Möglichkeit, mehr zu importieren und zu raffinieren, existiert. Sie wurde nicht genutzt. Das nimmt den Daten den streng bullischen Charakter. Für die hoch aufgelaufenen Ölpreise gibt es nach wie vor keine plausiblen Gründe aus dem Ölmarkt selbst. Sie sind das Resultat von Wettgeschäften der Finanzindustrie.
Gegen derartige Wettgeschäfte gibt es prominente Opposition. Diese formiert sich auf unterschiedlichen Feldern. Die jüngste Unterstützung bekommt die Antiwettszene von einigen Regierungschefs europäischer Staaten. Zu ihnen gehört unsere Bundeskanzlerin. Sie hat das Problem, das unkontrollierte Finanzspiele verursachen können, am Beispiel Griechenlands begriffen. Hier provoziert die Finanzszene eine Staatspleite, die nicht zuletzt Deutschland teuer zu stehen kommen könnte. Man fühlt sich an Goethes Zauberlehrling erinnert. Die Geister, die Regierungen im letzten Jahr noch mit Steuergeldern in einem nie gekannten Umfang aufpeppelten, werden sie nun nicht mehr los. Konsequenzen hat die hierzulande hoch aufgehängte Kritik am Wettsystem der Banken und Fonds allerdings nicht. In diesem Punkt ist man in den USA weiter. Dort wurde die Lösung des Problems schon früher auf die Agenda gesetzt. So scheint man dem Ziel, Handelsbeschränkungen in Form von Positionslimits an den Ölbörsen wiedereinzuführen, näher gekommen zu sein. Positionslimits sollen verhindern, dass Geldströme in den Markt fließen können, die den Wert der physischen Ware deutlich übertreffen. Das wäre eine erste Maßnahme, Preismanipulationen durch bloße Finanzmacht einzudämmen. Die endgültige Einführung einer solchen Maßnahme verschreckt die Finanzindustrie. Die Deutsche Bank ist mit einem Anlageprodukt auf Rohöl schon mal von Kontrakten auf WTI (US-Rohöl) in Kontrakte auf Brent (Nordseeöl) geflohen. Brentkontrakte werden durch die Regeln der CFTC (Commodity Futures Trading Commission) nicht erfasst.
Die Regulierung des Börsengeschehens ist nur eine Baustelle, um die man sich kümmern muss, wenn man die gesellschaftsgefährdenden Finanzspiele beenden will. Schlimmer als unlimitierter Futureshandel ist das außerbörsliche Treiben der Finanzszene. Es findet unter Ausschluss von Kontrollen statt. Und es operiert mit unlimitierten Strömen geliehener Finanzmittel. Durch ein virtuelles Versicherungssystem bekommen die Kredite eine sichere Erscheinung. Real sind sie aber nur solange sicher, wie das Finanzsystem in die gewünschte Richtung läuft. Im Fehlerfall ist der Kollaps vorprogrammiert. So geschehen nach der Lehman-Pleite. Mit derartigen Versicherungen auf griechische Staatsanleihen lassen sich zurzeit gute Geschäfte machen. Solange die Versicherungen tatsächlich zur Absicherung gekaufter Staatsanleihen dienen, sind die Geschäfte akzeptabel. Wenn diese Versicherungen aber zu einem Geschäft aus sich selbst heraus werden, d.h., wenn sie nicht mehr den eigentlichen Sinn der Versicherung erfüllen, wird abermals ein toxischer Zustand des Finanzsystems erzeugt. Außerdem wirken die Papiere dann wie im Ölmarkt kursmanipulierend.
Der Kampf gegen solche Versicherungsgeschäfte ist alt. Schon im 18. Jahrhundert beklagte Georg II. Wettgeschäfte auf das Sinken von Handelsschiffen mit Hilfe von Versicherungspolicen. Damals kam es zu wundersamen Untergängen vollkommen intakter Schiffe auf ungefährlicher See. Georg II. erlaubte Kaufleuten per Dekret nur noch den Erwerb von Versicherungen auf ihre eigenen Schiffe. Die auf diesem Prinzip basierenden Einschränkungen hielten bis ins Jahr 2000. Bis dahin musste die CFTC jedes Papier auf Einhaltung der Regeln prüfen. Seit die Prüfungspflicht aufgehoben ist, steht dem heute zu beklagenden grenzenlosen Treiben der Finanzszene nichts mehr im Weg. Das Casino war mit dem Wegfall der Kontrolle eröffnet.
Heute Morgen läuft das Spiel an der Ölbörse so weiter, wie es gestern endete. Eine gewisse Zurückhaltung der Akteure ist zu beobachten. Ihr grundsätzliches Interesse an höheren Preisen ist aber erkennbar. Die Tonne Gasöl kostet 657,75 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 81,78 Dollar. Der US-Dollar wird zu 73,30 Eurocent gehandelt.
Unsere Heizölpreise steigen weiter. Der Anstieg findet in den letzten Tagen moderat aber stetig statt. Aus Ölmarktsicht sollte er nicht geschehen. Diese Tatsache beeindruckt die bestimmenden Akteure der Finanzindustrie nicht. Sie haben eigene Vorstellungen und vor allen Dingen Interessen. Die verfolgen sie mit großen Scheuklappen im Gesicht. Die Chance auf ein kurzes Einknicken existiert, weil die Preise momentan heiß gelaufen sind. Eine grundsätzliche Änderung der bullischen Einflussnahme auf den Markt ist aber nicht in Sicht. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.
11. März 2010
Leser-Kommentare
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schrieb am Donnerstag, 11. März 2010 - 20:38 Uhr
zu Schrott Ernst:
Der Nominalwert der CDS hat in etwa die Größenordnung wie das weltweite BIP. Warren Buffet bezeichnet die Papiere als Massenvernichtungswaffe. Reicht das? -
schrieb am Donnerstag, 11. März 2010 - 15:37 Uhr
Ich bin Analytiker, von da her bin ich interessiert die Umstände zu verstehen. Ich habe eigentlich kein Interesse an Diskussionsteilnehmern die voreingenommen irgend was verteufeln, von diesen kann ich nichts lernen.
Und weil wir beim lernen sind: kann mir jemand erklären wo das wirkliche Problem bei den CDS Papieren liegt, ich habe lange nachgedacht, kann aber das Problem nicht erkennen. Ich sehe keinen Unterschied zum alten System das wir vor einigen Jahren hatten, das Resultat war immer dass der unsichere Schuldner mehr Zinsen bezahlen muss als der sichere, ja so wie jetzt auch.
Ich verstehe schon dass der Handel mit den einzelnen Versicherungsscheinen, also ohne Gläubiger zu sein, nicht im Sinne des Erfinders war, kann aber das Potenzial für ein Problem trotzdem nicht erkennen. -
schrieb am Donnerstag, 11. März 2010 - 13:04 Uhr
zu Schrott Ernst:
Hier wird wieder mal der Eindruck erweckt, dass die Finanzindustrie nichts mit all den Problemen dieser Welt zu tun hat. Sind Sie selbst ein Teil dieser Industrie, Schrott Ernst? Krisen haben üblicherweise mehr als einen Verursacher. Einer ist fast immer dabei. Das ist die Finanzindustrie. Im Fall Griechenlands denke man nur an die Hilfe zum Betrug durch Goldman & Sachs. Im Tageskommentar wird übrigens nicht auf die Ursache der Krise, sondern auf ihr Ausnutzen durch die Finanzindustrie hingewiesen. -
schrieb am Donnerstag, 11. März 2010 - 11:52 Uhr
Hier wird wieder einmal der Eindruck erweckt dass das griechische Problem von den Spekulanten verursacht worden ist, dabei ist es ja völlig normal dass ein unsicherer Kreditnehmer auch einen höheren Preis für seine Kreditaufnahme zahlen muss. Ob CDS Papiere das richtige Instrument dafür ist, über das lässt sich streiten. Im Resultat ändert sich eigentlich nicht viel, auch wenn wir zum alten System zurückkehren würden müsste Griechenland einen höheren Zunssatz für seine Krdite bezahlen wie sichere Länder.
Das Problem der Griechen ist selbstgemacht, sie haben gelogen und betrogen und über Ihre Verhältnisse gelebt, mit geborgtem Geld, das ist die traurige Wahrheit, natürlich kann man es sich einfach machen und einfach den Spekulanten die Schuld dafür geben, das ist aber naiv und nicht treffend.
