
esyoil Special:
Experte hält Berlins Gas-Strategie für riskant
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat die Bundesregierung dringend davor gewarnt, sich bei der Energieversorgung zu sehr von Russland abhängig zu machen. Der Chefökonom der IEA übte außerdem scharfe Kritik an der EZB. "Russland braucht in den nächsten Jahren sehr hohe Öl- und Gaspreise, um seine Wachstumsziele zu erreichen", sagte Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur in Paris, der Financial Times Deutschland. "Die deutsche Strategie, künftig immer mehr Gas aus Russland zu beziehen, ist deshalb riskant." Deutschland mache sich so "verwundbar" durch die russische Politik. Damit greift Birol die Politik der Bundesregierung frontal an. Erst am Donnerstag sprach sich Kanzler Gerhard Schröder auf einer deutsch-russischen Investitionskonferenz in Stuttgart für einen Ausbau der Energiezusammenarbeit mit Russland aus.
Verschärft wird das deutsche Problem nach Einschätzung der IEA durch den von der rot-grünen Regierung beschlossenen Atomausstieg. Derzeit produzieren die Kernkraftwerke noch rund ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Stroms. Sie sollen in den nächsten 20 Jahren abgeschaltet werden.
"Die Bundesregierung muss schnell einen Plan aufstellen, wie die wegfallenden Kernkraftwerke ersetzt werden sollen", sagte Birol. Es sei klar, dass dazu die erneuerbaren Energien nicht ausreichten. "Es gibt nicht genug davon, und das Stromsystem ist für große Anteile der Windenergie nicht ausgelegt", sagte der Ökonom. "Noch nicht mal die Hälfte der Kernkraft kann durch erneuerbare Energien ersetzt werden."
Weil es an Alternativen und Konzepten mangele, würden neue Kraftwerke voraussichtlich in erster Linie mit Erdgas laufen. "Dieses Gas wird vor allem aus Russland kommen." Mittlerweile entstehe rund ein Viertel des russischen Bruttoinlandsprodukts im Öl- und Gasgeschäft. "Das sind Größenordnungen wie in den OPEC-Ländern Algerien oder Iran. Solche Staaten sind so stark auf die Einnahmen angewiesen, dass sie auf hohe Preise dringen."
Birol sagte zudem, dass es einen Zusammenhang zwischen den hohen Strom- und Gaspreisen und dem Fehlen einer effektiven Wettbewerbsaufsicht in Deutschland gebe. Angesichts der weltweit steigenden Ölnachfrage sei es die wichtigste Aufgabe der Politik, effizienten Techniken zum Durchbruch zu verhelfen. "Wenn viele Konsumenten Fernseher mit niedrigem Stromverbrauch kaufen, können sich die Versorger den Bau von Kraftwerken sparen", so der Ökonom. "Die Regierungen sollten Steuervergünstigungen, Anreize und Subventionen nutzen, um hier den richtigen Rahmen zu setzen."
In diesem Zusammenhang kritisierte Birol auch die Europäische Zentralbank (EZB). "Die EZB hat lange Zeit das Risiko heruntergespielt, das vom hohen Ölpreis für das Wirtschaftswachstum ausgeht." Damit habe die Notenbank zwar die Märkte beruhigt, zugleich aber den Regierungen in der Euro-Zone den Eindruck vermittelt, es gebe keinen Handlungsbedarf. Dies habe möglicherweise dazu beigetragen, dass Politiker nicht die notwendigen Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz angestoßen hätten.
"Wir haben bereits im Frühjahr prognostiziert, dass der hohe Ölpreis das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern um 0,4 Prozentpunkte dämpfen könnte. Allmählich müssen auch die Notenbanken einen solchen Effekt eingestehen."
In den kommenden Monaten könnte der Ölpreis Birol zufolge noch einmal spürbar steigen und damit die Wirtschaft weiter belasten. "Wenn wir einen kalten Winter bekommen oder es neue geopolitische Spannungen gibt, wäre das schlecht für den Ölpreis." Einige Ökonomen haben bereits einen Ölpreis von 60 $ pro Barrel (159 Liter) für die kommenden Monate prognostiziert.
Im nächsten Jahr sei dann mit einem Rückgang der Ölpreise zu rechnen. "Zum einen wird 2005 die Nachfrage nach Rohöl langsamer wachsen. Zum anderen beginnt in sieben oder acht großen Förderanlagen die Förderung", sagte Birol. Zudem bestehe dann die Chance, dass auch die Risikoprämie, die derzeit den Ölpreis in die Höhe treibe, nach und nach verschwinde. Allerdings bleibe die geopolitische Situation ein Risiko.
Von Timm Krägenow und Sebastian Dullien, Berlin
Quelle: FTD vom 29.10.2004, Seite 17

