
esyoil Special:
Politik scheitert am Mythos Gaspreise
Die Politik hantiert einmal mehr mit abstrusen Gaspreisprognosen und bekommt kaum Widerspruch. Der Versuch einer Aufklärung in einem nicht ganz einfachen Markt.
Es war der Aufreger des vorletzten Wochenendes: Der Staatssekretär im Bundesumweltministerium Michael Müller äußerte vor laufenden Kameras, die Gaspreise würden in diesem Jahr noch um 40 Prozent zusätzlich zu den bereits angeblich angekündigten 25 Prozent steigen. Der Präsident des Bundes der Energieverbraucher Aribert Peters kanzelte reflexartig die Ölpreisbindung als nicht mehr zeitgemäß und Ausdruck eines Kartellverhaltens ab. Die Stimme Claudia Kemferts, der Leiterin der Energieabteilung des DIW, durfte da nicht fehlen. Ihrer Einschätzung nach könnten die Gaspreise bis zu 40 Prozent niedriger liegen, wenn Stadtwerke ihr Gas an den Großhandelsmärkten beschaffen.
In den Tagen danach gab es die üblichen Gegenargumente. Der BDEW verteidigte gebetsmühlenhaft die Ölpreisbindung als
Schutz vor Ausbeutung durch die Produzenten. Selbst Vertreter der SPD wie Rainer Wend, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD Fraktion, bezweifelten, dass die Preise bei einer Entkopplung von Gas und Ölpreis niedriger wären. Auffallend bei der Diskussion ist, dass nie ganz klar ist, über welches Marktsegment gesprochen wird. Die Diskussion ist eher von Mythen als von Fakten bestimmt.
Mythos l: Die Gaspreise steigen um 40 Prozent!
Gaspreise lassen sich auf drei Ebenen analysieren: Die Beschaffungspreise der Importgesellschaften, die Beschaffungspreise von Stadtwerken und die Endkundenpreise von Industriekunden und Stadtwerken. Offizieller Indikator für die Importbeschaffungspreise sind die durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) veröffentlichten monatlichen Grenzübergangspreise. Leider erfolgt die Veröffentlichung immer mit einer erheblichen Zeitverzögerung. Bisher sind im Jahr 2008 nur die Preise von Januar bis März veröffentlicht. In diesem Zeitraum betrug die Preissteigerung 12 Prozent. Der Preis stieg von 21,24 im Dezember auf 23,80 Euro/MWh. Allerdings erwarten Marktbeobachter, dass der Preis bis Dezember auf ein Niveau von mehr als 33 Euro/MWh steigen könnte. Die Prognose im aktuellen WIBERA Ölpreistelegramm, dem wichtigsten Anbieter von Preisinformationen in der Gasbranche, liegt bei 33,54 Euro/MWh für Dezember. Diese Prognosen basieren auf Abschätzungen der Bindung der Importpreise an leichtes und schweres Heizöl, Kohle und Marktpreise für Gas sowie der Zeitverzögerungen und Durchschnittsbildung bei der Preisanpassung. Und sie basieren natürlich auf der Annahme, dass der Ölpreis auf hohem Niveau bleibt. Als Ergebnis ergibt sich für das Jahr 2008 eine Erhöhung der Importpreise von 58 Prozent, fast das Niveau der von Müller genannten 25 Prozent plus 40 Prozent.
Die Beschaffungspreise der Stadtwerke sind in der Regel an leichtes Heizöl und zumindest wenn der Vorlieferant E.ON Ruhrgas heißt zurzeit zu einem kleinen Teil an schweres Heizöl gebunden. Auch bei diesem Beschaffungspreis der Arbeitspreis in dem Standardvertrag der E.ON Ruhrgas wird in der Branche häufig als Anhaltspunkt verwendet dürfte die Steigerung von Dezember 2007 bis Dezember 2008 bei etwa 60 Prozent liegen, vorausgesetzt, das derzeitige Niveau der Heizölpreise bleibt erhalten. Da Stadtwerke zusätzlich einen Leistungspreis in Abhängigkeit von ihrer Benutzungsstruktur bezahlen, liegt die Erhöhung des Gesamtpreises etwas niedriger.
Bei kleineren Industriekunden mit einer jährlichen Abnahmemenge von bis zu 50 GWh und Verträgen, bei denen der Preis über eine Formel an leichtes Heizöl gebunden ist, beträgt die Preissteigerung für das Jahr 2008 im Rahmen dieser Verträge nach Einschätzung von Marktbeobachtern rund 40 Prozent.
Die Preise für Haushaltskunden sind nicht direkt an die Ölpreise gebunden. Die Stadtwerke legen die Preise autonom fest. Der Anteil des reinen Gasbeschaffungspreises auf der Grundlage des oben abgeschätzten Standardpreises an dem Bruttopreis eines durchschnittlichen Haushaltskunden mit einem Jahresverbrauch von 20.000 kWh liegt bei rund 40 Prozent. Daraus ergibt sich ein Potenzial von Preiserhöhungen für Haushaltskunden für das Jahr 2008 von rund 20 Prozent.
Mythos 2: Die Beschaffung der Stadtwerke erfolgt einheitlich!
In der öffentlichen Diskussion wird häufig unterstellt, dass Stadtwerke praktisch ausschließlich im Rahmen eines standardisierten an HEL gebundenen Vertrages beschaffen. Aber in den vergangenen zwei Jahren haben viele Stadtwerke ihre Beschaffung deutlich verändert, in vielen Fällen wurde sie ausgeschrieben. Im Rahmen solcher Ausschreibungen wurden Preissenkungen erzielt, andere Anbindungen an Ölpreise gewählt, oder es wurden Mengen zu Festpreisen beschafft. Auch das Bundeskartellamt hat im Rahmen seines Verfahrens gegen 35 Gasversorger wegen des Verdachts missbräuchlich überhöhter Preise solche Veränderungen im Beschaffungsverhalten festge
stellt. So haben die Stadtwerke Jena, eines der Unternehmen, das in dem Verfahren als Vergleichsmaßstab aufgrund besonders günstiger Preise gewählt wurde, vergangenes Jahr Gasmengen zu Festpreisen beschafft. Angesichts der 2007 deutlich niedrigeren Preise im nachhinein eine sehr weise Entscheidung. Das Beispiel scheint auch Wasser auf die Mühlen von Herrn Peters hinsichtlich des Anachronismus der Ölpreisbindung zu sein.
Aber auch das wird bei Stadtwerken wie Industriekunden immer wieder diskutiert: Auch Festpreise beinhalten immer ein spekulatives Element. Wären die Ölpreise nicht gestiegen, sondern gesunken, wäre der Festpreis ein Fehler gewesen.
Für das Bundeskartellamt ist aber in seinem Gaspreisverfahren ein anderer Punkt wichtig. Die erzielten Beschaffungsvorteile werden auf Grund des zu geringen Wettbewerbs häufig nicht an die Endkunden weitergegeben, so der Beisitzer der 10. Beschlussabteilung des Amtes Felix Engelsing auf einer Veranstaltung in Berlin Anfang Juni. Zudem würden durchaus nicht alle Stadtwerke die Optimierungsmöglichkeiten bei der Beschaffung nutzen und es sei zu prüfen, ob der Großhandelsmarkt wirklich funktioniere. Andererseits ist derzeit von vielen Stadtwerken zu hören, dass sie Preiserhöhungen nicht leichtfertig vornehmen. Insbesondere die Aufsichtsgremien kommunaler Stadtwerke wollen Preiserhöhungen möglichst gering halten und verzichten sogar auf Gewinne, so ein Marktteilnehmer.
Mythos 3: Eine Beschaffung zu Marktpreisen ist günstiger!
Tatsächlich beschaffen viele Stadtwerke Gasmengen mittlerweile zumindest teilweise an den Handelsmärkten. Dies ist auch in Deutschland möglich, da entsprechende Mengen insbesondere an dem virtuellen Handelspunkt (VHP) der E.ON GT angeboten werden. Die nebenstehende Grafik zeigt für den Zeitraum Oktober 2006 bis März 2008 die Preisentwicklung am VHP der E.ON GT und dem Grenzübergangspreis sowie dem Standardbeschaffungspreis für Stadtwerke.
Die Preise an den Handelspunkten lagen während der gesamten Zeit unter den Preisen, die Stadtwerke im Rahmen der klassischen Beschaffung bezahlen und im vergangenen Jahr teilweise auch deutlich unter den Importpreisen. Dies stützt die Argumentation von Frau Kemfert.
Allerdings sind die Handelspreise, dem Ölpreis folgend, seit diesem März dramatisch gestiegen, natürlich auch dadurch bedingt, dass langfristige Importverträge gegen Marktpreise arbitriert werden. Dennoch, Marktpreise bieten für Marktteilnehmer in Deutschland tatsächlich Chancen, die auch genutzt werden. Allerdings ist eine solche Beschaffung zu Marktpreisen auch mit erheblichen Risiken verbunden, da Entscheidungen unter Unsicherheit gefällt werden und Mengen und Preisentwicklungen abgeschätzt werden müssen. Viele Stadtwerke sind dazu nicht in der Lage.
Mythos 4: Die Ölpreisbindung gehört abgeschafft!
Die Ölpreisbindung als einheitliches Preissystem in der Gaswirtschaft verliert zumindest auf den inländischen Gasmärkten an Bedeutung. Stadtwerke und Industriekunden entscheiden zunehmend nach geschäftlichem Kalkül, ob sie eine Anbindung an Ölpreise wobei sie zunehmend sich gegen deutsche Heizölnotierungen und für die Bindung an die Handelsnotierungen für Gas Oil und Fuel Oil in Rotterdam entscheiden wählen oder Festpreise oder Handelspreise.
Dabei gibt es für viele Akteure durchaus Argumente für eine Bindung an Ölpreise. Eine dominierende Rolle spielt eine Bindung an Ölpreise nach wie vor in den Importverträgen, auch wenn dort andere Preiselemente eingehen. Aber die Preise in den bestehenden Verträgen auf Marktpreise umzustellen bedeutet für alle beteiligten Parteien ein nicht unerhebliches Risiko, da dann ganz andere Mengen als bisher an den Handelsmärkten relevant werden. Dann könnten tatsächlich sehr große Spieler wie Produzenten, aber auch die großen Importgesellschaften, versuchen, in erheblichem Maße die Preise zu beeinflussen. Auch das Thema einer GasOPEC würde ganz neue Relevanz bekommen. Je liquider und internationaler Handelsmärkte werden, desto stärker wird aber das Thema Anbindung an Marktpreise für Gas z.B. am britischen NBP auch in Importverträgen eine Rolle spielen.
Fazit: Der deutsche Gasmarkt ist deutlich in Bewegung geraten. Dies gilt auch für die Rolle verschiedener Preissysteme und die Entscheidung über Beschaffungsoptionen. Auch Industriekunden haben übrigens durch Ausschreibungen erhebliche Preissenkungen bzw. deutlich geringere Preissteigerungen realisiere können. Diese Entwicklung steht am Anfang und wird weitergehen. Die Preislandschaft wird auf allen Stufen der Wertschöpfungskette differenzierter werden. Die Märkte benötigen Zeit, sich zu entwickeln, und die Entscheidungen sind komplex. Preise bilden sich in einem Spannungsfeld von Marktmacht vor allem vor Produzenten sowie Angebot und Nachfrage. Letztlich wird man auf die Preissignale durch entsprechende soziale univolkswirtschaftliche Anpassungsprozess reagieren müssen.
Energie Informationsdienst 25/08 15.06.2008 S.1

