eid Die Rückgänge der russischen Erdöllieferungen über die Druschba-Pipeline an die Raffinerien Schwedt und Leuna im Sommer 2007 haben die Öffentlichkeit erneut aufgeschreckt. Die Idee, hierin einen europäischen Präzedenzfall zu sehen, drängte sich an dieser Stelle unweigerlich auf. Für Unternehmenssprecher Karl-Heinz Schwelnus von PCK Schwedt waren die Liefereinschränkungen indessen keine Überraschung wie beim Lieferstopp am Jahresbeginn in Folge der russisch-weißrussischen Streitigkeiten. Da sie angekündigt waren, konnte sich das Unternehmen auf sie einstellen und auf Lagerbestände und zusätzliche Lieferungen via Rostock-Schwedt-Pipeline, die über eine Kapazität von 6,8 Millionen Tonnen pro Jahr verfügt, zurückgreifen. Zu Produktionseinbußen kam es nicht, ebenso wenig in der Leuna-Raffinerie in Spergau. Etwa ein Fünftel der deutschen Rohöleinfuhren wird über die Druschba-Nordroute von Weißrussland nach Polen und von dort in die Raffinerien nach Schwedt und Spergau transportiert und dort weiterverarbeitet. An Schwedt sind BP, Shell, TOTAL und Agip beteiligt, die Mitteldeutsche (Leuna) Raffinerie in Spergau besitzt TOTAL zu 100 Prozent.
Zu den Lieferrückgängen erklärte Vize-Präsident Sergej Grigorjew des Pipeline-Betreibers Transneft gegenüber RIA Novosti am 24. August: „Die Lieferungen haben sich nicht wegen von Transneft verringert. Lukoil lieferte ein Drittel zu wenig, aber auch eine Reihe von kleineren Gesellschaften lieferte nicht nach Deutschland." Nach Angaben von
RIA TEK ist Surgutneftegas Deutschlands größter russischer Rohöllieferant über die Druschba-Pipeline. Im Juni 2007 lieferte Surgutneftegas mit 1,3 Millionen Tonnen Rohöl allein 73 Prozent des gesamten Lieferumfangs. Im Juli waren es hingegen mit 1,1 Millionen Tonnen nur noch 63 Prozent. Nach Daten von RIA TEK und Berechnungen der KIT-Finans Investment Bank sind die Liefermengen von Lukoil an Deutschland von 654.400 im Januar auf 229.100 Tonnen im Juli gesunken.
Mit Förderkürzungen haben die geringeren Liefermengen nichts zu tun, denn Lukoil hat z.B. seine Förderung in den ersten sieben Monaten des Jahres um 2,5 Prozent erhöht. Rosneft erzielte in Folge seiner Jukos-Zukäufe mit 19, 7 Prozent ein überdurchschnittliches Förderwachstum, und nur Surgutneftegas hatte einen leichten Produktionsrückgang von 0,6 Prozent zu verzeichnen. Lukoil-Chef Wagit Alekperow führte denn
als Grund für die Lieferrückgänge gegenüber Journalisten am 28. August 2007 die um ein Drittel gestiegenen
Transitkosten über Weißrussland an. Damit seien neue Preisverhandlungen mit Deutschland, Tschechien, der
Slowakei und Polen notwendig geworden. Alekperow verlangte einen „rechtmäßigen, marktgerechten und konkurrenzfähigen Preis im Vergleich zu anderen Rohöl-Qualitäten." Lukoil verkauft im Export über die Druschba-Pipeline Rohöl der Marke Urals, das an die Notierungen Brent/BFO angelehnt ist. Im Jahr 2006 betrug Lukoils Exportpreis im Durchschnitt 61,3 Dollar je Barrel und lag im Vergleich nach Angaben der Internationalen Energieagentur 5,9 Prozent unter dem Brent-Spot-Preis von 65,14 Dollar je Barrel. Im ersten Quartal 2007 ist der Brentpreis von Lukoils Exporten nach Angaben von Lukoils Vizepräsiden Leonid Fedun sogar um 9 Prozent unterschritten worden. Dieser für russische Unternehmen nachteilige Preisabstand hat zusammen mit den gestiegenen Transportkosten und den angekündigten Erhöhungen der Exportabgaben ab Oktober vor dem Hintergrund einer weltweit kräftigen Nachfrage nach Rohöl zu neuen Preisverhandlungen mit den westlichen Abnehmergesellschaften geführt.
Dass Lukoil im ersten Halbjahr 2007 mit insgesamt 21,6 Millionen Tonnen rund 3 Prozent weniger Rohöl exportierte als in den ersten sechs Monaten 2006, lag allerdings auch daran, dass Lukoils Erdölverarbeitung in Russland zunahm. In seinen acht Raffinerien in Russland hat Lukoil im ersten Halbjahr 2007 mit 20,6 Millionen Tonnen 10,1 Prozent mehr Erdöl verarbeitet als im Referenzhalbjahr 2006. Zusammen mit der Erdölverarbeitung im Ausland waren es 25,1 Millionen Tonnen. Dies entspricht einem Zuwachs von 7,8 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Die erhöhte Erdölverarbeitung, auch für den heimischen Markt, die mit Präsident Wladimir Putins Vorstellungen konform geht, zieht einen erhöhten Eigenbedarf an Erdöl nach sich. Inwieweit sich dieser in den folgenden Jahren beim Rohölexport der russischen Ölgesellschaften niederschlägt, lässt
sich noch nicht genau abschätzen Er nährt auf jeden Fall Spekulationen über zukünftig nicht ausreichend Fördermengen und mögliche Preiskämpfe. Für September bis Dezember hat Lukoil-Chef Alekperow auf einer Pressekonferenz am 30. August Deutschland zunächst Lieferungen von 2,4 Millionen Tonnen Rohöl zugesichert. Auch Lukoils Dissonanzen mit dem Zwischenhändler Sunimex scheinen nach einem vereinbarten
höheren Lieferpreis zunächst bereinigt zu sein (...).
Welche einzelnen Gründe es auch immer geben mag, die zu neuen Preisverhandlungen mit den westlichen Abnehmern russischen Rohöls geführt haben, Russland ist generell mit den Erlösen für sein Öl unzufrieden. Seit Einführung der Production-Sharing-Agreements (PSA) mit westlichen Energiekonzernen sind nach Angaben des Ministeriums für Industrie und Energie in Moskau ingesamt eine Milliarde Dollar in die russische Staatskasse geflossen. Damit ist die russische Regierung nach einem Bericht der „FAZ" nicht zufrieden. Als Mitte der
neunziger Jahre die PSA geschlossen wurden, war vorgesehen, dass der Staat erst an den Gewinnen beteiligt wird, wenn die Förderunternehmen die Kosten wieder hereingeholt haben. Deshalb schlagen die Kostenerhöhungen und Projektverzögerungen für den Staat negativ zu Buche. Seit dem vergangenen Jahr macht der russische Staat resolut
von der Verkäufermarkt?Situation für Öl und Gas Gebrauch. Die PSA werden neu verhandelt, wofür oft
Umweltbedenken vorgeschoben werden, und über die größten Investitionsvorhaben wird die russische Kontrolle erzwungen. Produktionskürzungen werden generell nicht hingenommen. Im vergangenen Monat wurde allerdings einem Antrag von TOTAL auf Förderkürzung entsprochen, was einige Beobachter auf die neu entstandene Achse Moskau-Paris zurückführten, zumal TOTAL als Kooperationspartner von Gazprom bei der Entwicklung des Schtokman-Erdgasfeldes ausgewählt wurde (eine Auswirkung des Wodka-Gelages der russischen und französischen Präsidenten anlässlich des G8-Gipfels in Heiligendamm? ) (...)
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 38/07 vom 17. September 2007 Seite 6-7
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