
esyoil Special:
Rätselraten um die Ölpreisentwicklung
Die Rohölmärkte verzeichnen den stärksten Rückgang der Preise seit drei Monaten, vor allem wegen getrübter Konjunkturaussichten. Doch geht die Talfahrt weiter?
Es hat den Anschein, als könnte sich der jüngste Rückgang bei den Ölpreis weiter verfestigen. Jedenfalls wenn man; der Mehrheit der Experten glauben mag Die sich weltweit abschwächende Konjunktur, ausgelöst im Wesentlichen durch die Finanzkrise in den USA, drückt auf die Nachfrage -und damit auf die Preise. Die gesamte Schmutzwäsche der Subprime-Krise hänge jetzt auf der Leine, dass sich die Akteure an den Rohstoffmärkten - und damit auch beim Öl – bei der Preisfindung nun auf die Fundamentaldaten von Angebot und Nachfragkonzentrieren können, zitiert das "Handelsblatt" den amerikanischen Analyst Phil Flynn von Alaron Trading Corportion, der für seine Zunft bestätigt, da man nun, zum ersten Mal seit dem Jahr 2003, wieder mit rückläufigen Rohölpreisen rechne.
Rund 20 Prozent haben die Rohölnotierungen seit den absoluten Höchstständen von Anfang Juli mit bis zu 147 US-Dollar je Barrel inzwischen wieder verloren. In den USA ging es an der New Yorker Rohstoffbörse Nymex bei der Rohöl-Sorte West Texas Intermediate (WTI) zwischenzeitlich auf bis zu 117 US-Dollar je Barrel nach unten, bevor sich die Notierungen zum Wochenende hin wieder Richtung 120 US-Dollar je Barrel bewegten. Und Flynns US-Kollege Clive Lambert glaubt sogar, dass die "Bullen" - gemeint sind die großen Finanzanlegern überhaupt erst wieder bei rund 110 US-Dollar je Barrel eine Chance hätten, das "Ruder" zu übernehmen, um mit frischem Geld wieder auf steigende Notierungen zu wetten. Andere sehen den Ölpreis in diesem Jahr noch unter die 100 US-Dollar je Barrel-Marke rutschen.
Auch bei der Internationalen EnergieAgentur (IEA) schließt man eine weitere Entspannung am Ölmarkt nicht mehr aus. Die IEA-Experten sehen ebenfalls einen sich verstetigenden Wirtschaftsabschwung in den USA, aber auch in Europa, deshalb sei es wahrscheinlich, dass sich die Nachfrage nach Öl, dem Schmierstoff der Wirtschaft, weiter verringern werde.
Dazu kommt, dass auch in Asien zumindest mit einer Abflachung beim Nachfragewachstum zu rechnen sei, beispielsweise in China und Vietnam, wo die Regierungen zuletzt die Preise für Benzin und Diesel erhöht haben.
Für viele gibt aber noch einen weiteren fundamentalen Grund für den derzeitigen Rückgang der Ölpreise. Und zwar die Tatsache, dass die OPEC ihr Versprechen wahrmacht und mehr Öl in den Markt gibt. So ist die Produktion des Ölförderkartells im Juni dieses Jahres auf 32,4 Millionen Barrel am Tag gestiegen, 1,8 Millionen Tagesbarrel mehr als im gleichen Monat des Vorjahres, was in etwa dem gesamten britischen Bedarf eines Tages entspricht. Und im Juli, so die derzeitige Einschätzung, könnten es mit 32,6 Millionen Barrel am Tag noch einmal mehr werden.
Das freut Nobuo Tanaka, den Generalsekretär der IEA, hindert ihn aber nicht daran, die OPEC-Mitglieder im gleichen Atemzug davor zu warnen, die Produktion gleich wieder zu drosseln, sollte sich der Preisverfall tatsächlich fortsetzen. Die Aussichten, dass dies nicht geschieht, sind gut, hält doch selbst Venezuelas Präsident und OPEC- IE Preis-Falke Hugo Chavez die Verbilligung beim Öl für "eine gute Sache".
Aber es gibt auch Stimmen, die bezüglich eines weiteren Preisrückgangs beim Öl weniger optimistisch sind. Auch bei der IEA. Die Hurrikan-Saison in den USA stehe erst noch bevor, und was das für die Preise bedeuten könne. habe ja das Jahr 2005 mit den Hurrikans "Katrina" und "Rita" gezeigt.
Andere glauben nicht an eine nachhaltige Wirkung der ausgeweiteten OPEC Produktion. Zum einen, weil überhaupt nur Saudi-Arabien dem Markt mehr Öl zur Verfügung stellen kann (im Juni waren es immerhin 9,7 Millionen Barrel am Tag, so viel wie seit 1981 nicht mehr); allen anderen OPEC-Staaten fehlen die Kapazitäten. Bleibt das Problem, dass der Markt das schwefelreiche saudische Öl eigentlich nicht benötigt, sondern eher leichte Qualitäten verlangt.
Und dann würden die OPEC-Mehrmengen sowieso nur die sinkende Förderung in Russland, Mexiko oder im NordseeRaum ausgleichen. An einen signifikanten Reserven-Aufbau sei so nicht zu denken.
Für die Zukunft des Ölpreises heißt die Prognose also weiter: alles offen.
Bei allen Konjunkturängsten sorgt die jüngste Verbilligung beim ÖI natürlich auch für gute Laune. Die Zentralbänker hoffen nun, dass sie die ausufernde Inflation in den Griff bekommen können. Bessere Stimmung als zuletzt auch an den Aktienmärkten: Mit den fallenden Ölpreisen steigen endlich einmal wieder die Aktienkurse.
Und die privaten Verbraucher? Auch hier stehen die Zeichen auf Entspannung. Laut der neuesten EID-Umfrage sind die Heizölpreise seit ihrem historischen Höchststand von knapp 100 Euro je 100 Liter Anfang Juli dieses Jahres auf inzwischen rund 86 Euro zurückgefallen). Ähnlich sieht es an den deutschen Tankstellen aus. Auch hier sank der Preis für einen Liter Eurosuper seit dem bisherigen Höchststand am 4. Juli deutlich von 159 Cent auf inzwischen rund 147 Cent je Liter, trotz anhaltend enger Margen. Der Preis für einen Liter Diesel gab seither von 154 auf rund 142 Cent nach.
Energie Informatiuonsdienst 33/08 vom 11.08.2008 S.1f.

