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esyoil Special:

Russland braucht OPEC für hohe Ölpreise Schwere Liquiditätskrise nach Kapitalflucht



Russische Großfirmen bemühen sich um Anleihen bei westlichen Banken. Britische Großbank bestätigt Anfrage von Gazprom über eine 10 Milliarden Pfund-Anleihe.

Zwei Meldungen illustrieren das ganze Ausmaß, mit dem sich Russland und die USA nach dem Georgien-Konflikt politisch voneinander entfernt haben: "US militarv trained Georgian Commandos" in der "Financial Times" vom 6. September und "Russland provoziert Amerika" in der "Süddeutschen Zeitung" vom 8. September. Nach dem "FT"-Bericht haben US-Militärs 80 georgische Special Forces Commandos vor dem georgischen Angriff auf Südossetien trainiert. Vor diesem Hintergrund gewinnt der Vorwurf von Russlands Ministerpräsident Wladimir Putin doch einiges Gewicht, dass dieser Angriff von den USA "orchestriert" worden sei. Martin Wolf hält es in der "FT" sogar für möglich, dass der Krieg zwischen Georgien und Russland von Washington bewusst in Kauf genommen wurde, um den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain ins Weiße Haus zu hieven.

Russland provoziert Amerika, indem es seine Beziehungen zu Venezuela und Kuba, den beiden erklärten Feinden der USA in Lateinamerika, verstärkt. Die venezolanische Marine kündigte an, vom 10. bis 14. November zum ersten Mal ein gemeinsames Seemanöver mit Russland in der Karibik abhalten zu wollen; die Russen wollen nach eigenen Angaben mit einem atomgetriebenen Kriegsschiff daran teilnehmen. Beobachter werten Moskaus karibische Aktivitäten als Retourkutsche. Russland empfinde die US-Präsenz in Georgien als ähnliche Provokation wie die USA früher die sowjetische auf Kuba, wegen der es 1962 fast zu einem Krieg mit den USA gekommen wäre.

Russlands Wirtschaft muss für Putins Provokationen, zu denen vor dem Einmarsch in Georgien bereits seine Attacken auf den privaten russischen Stahlproduzenten Mechel zählten, teuer bezahlen. Seit Mai sind die Aktienkurse an der Moskauer Börse um fast 50 Prozent eingebrochen und 750 Milliarden US-Dollar Kapital eliminiert, mehr als die 600 Milliarden US-Dollar Devisenreserven, die von Russland gehalten werden. Der Wert des Rubel ist abgestürzt. Allein der Krieg in Georgien hat zum Abfluss von 30 Milliarden Dollar geführt. Damit wird dem Markt immer mehr Liquidität entzogen. "Es gibt Immobilien-Entwickler, die ihre Projekte nicht beenden können, weil kein Geld mehr zu bekommen ist, auch nicht von Staatsbanken", zitiert die "Financial Times" einen Banker in Moskau. Die Liquiditätskrise sei die schlimmste seit dem zweiten Halbjahr 1998. Damals ist Ruhrgas mit dem Erwerb von 3,5 Prozent der Gazprom-Aktien dem ausgetrockneten Staatshaushalt zu Hilfe gekommen. Um die Lage zu beruhigen, hat die russische Zentralbank am 10. September 10 Milliarden US-Dollar in das Bankensystem gepumpt. Unterdessen sind drei russische Großunternehmen bei westlichen Banken vorstellig geworden mit der Frage, ob sie sich an Anleiheemissionen in Milliardenhöhe beteiligen würden. So hat eine britische Großbank bestätigt, dass Gazprom an sie herangetreten sei, ob sie sich an einer Anleihe von 10 Milliarden Pfund beteiligen wolle.

Gazprom kann am wenigsten glücklich sein mit der Politik von Putin, die das Kapital aus dem Land treibt. Wenn Gazprom-Chef Alexej Miller soeben den europäischen Verbrauchern in Aussicht gestellt hat, dass die Gaspreise sinken werden, weil sie an die Ölpreise gebunden sind, dann muss das für Russlands Wirtschaft wie eine Alarmmeldung klingen. Russlands Wirtschaft steht vor allem auf den Pfeilern Öl und Gas.

Mit einem Öl- und Gas-Anteil von 60 Prozent an den russischen Exporten ist Russland abhängig von deren Weltmarktpreisen, wobei der Ölpreis in den letzten Wochen um rund ein Drittel gesunken ist. Wenn Putin vor dem geschilderten Hintergrund, zu dem auch die stagnierende inländische Erzeugung und das unfreundliche Investitionsklima, das wichtige ausländische Technologie fernhält, gehört, als Reaktion auf den Druck der EU in der Georgien-Krise davon spricht, sein Land verfüge selbst über Druckmittel mit Ölund Gasreserven, dann klingt das wie die Drohung eines bedingungslosen Imperialisten. In diese Kategorie passt auch die Meldung, dass Moskau bei der jüngsten Tagung der OPEC in Wien der OPEC eine "intensive Zusammenarbeit" angeboten hat. Russland habe der OPEC "regelmäßige Treffen" vorgeschlagen, einen "Energie Dialog", um in Fragen der Energiesicherheit und globaler Marktprognosen zusammenzuarbeiten, sagte der russische Vizepremier Igor Schochin, der nach Wien mit einer 20 köpfigen Delegation angereist war.

Russland braucht hohe Ölpreise, um seine Wirtschaft stabil zu halten, und es ist kein Geheimnis, dass Russland auch ein Freund eines weltweiten Gaskartells nach OPEC-Vorbild ist. In der OPEC würden sich im Falle eines Beitritts - was sagt das eher amerikafreundliche Saudi-Arabien dazu? - mit Russland, Venezuela und Iran drei Staaten zusammenfinden, von denen George Soros, der legendäre Finanzinvestor unlängst gesagt hat, dabei handele es sich um autoritäre und korrupte Regime, die nur durch die hohen Opreise stabilisiert würden. Die OPEC und Russland würden gemeinsam mehr als die Hälfte der weltweiten Ölreserven kontrollieren. Es passt in die neue Eiszeit insbesondere zwischen den USA und Russland, dass die Vereinigten Staaten offenbar Druck auf Schweden machen, die Ostseepipeline zu stoppen. Schweden, durch dessen Offshore-Gebiet die Rohrleitung verlaufen soll, hat den Schlüssel für die Genehmigung in der Hand. Der US-Botschafter in Schweden, Michael M. Wood, forderte die Regierung in Stockholm in der Tageszeitung "Svenska Dagbladet" auf, den Bau der Pipeline zu verhindern. Die Krise im Kaukasus zeige, dass sich Europa und die USA nicht von dem unzuverlässigen Energielieferanten Russland abhängig machen dürften, heißt es in dem Artikel unter der Oberschrift "Sagt Nein zu Russlands unsicherer Energie".

Es ist, als ob das neokonservative Lager in Washington, bei dem Entspannung auf der Prioritätenliste nicht zu hoch angesiedelt ist, vor der Wahl eines neuen US-Präsidenten Anfang November, noch einmal den russischen Bären ordentlich reizen will. Dem Bären scheint es nur allzu recht zu sein, dass sich das alte Feindbild wieder reanimieren lässt. Und Europa? Liegt dazwischen.

Energie Informationsdienst vom 15.09.2208 38/08 S.20f