
esyoil Special:
Russland drohen Export-Engpässe beim Öl
Während in den USA und China die Raffinerien nicht mit dem
Anstieg des Ölverbrauchs Schritt halten können, drohen in Russland Engpässe bei
Exportpipelines den Anstieg der Ölförderung zu bremsen. Im ersten Quartal 2004 hat sich die
russische Ölproduktion um 11% erhöht, auf das Jahr hoch gerechnet dürfte sich eine Förderung
von 445 Mill. t/a (8,9 Mill. B/T, Anm. esyoil) ergeben. In zehn Jahren könnte diese bis zu 600
Mill. t/a (12 Mill. B/T, Anm. esyoil) erreichen. Das setzt aber eine entsprechende Steigerung
der Leistungsfähigkeit im Transportwesen und besonders bei Rohölleitungen voraus. Gegenwärtig
ist der russische Pipelinebetreiber Transneft dabei, das Leitungssystem zum Ostseehafen
Primorsk auszubauen. Bis Mitte des Jahres soll dort der Umschlag von monatlich 3,5 Mill. t auf
4,2 Mill. t und später in 2004 auf mehr als 5 Mill. t im Monat erhöht werden. Nimmt man die
geplante Umkehrung der Druschba-Adria-Leitung hinzu, können jährlich weitere 5 Mill. t
russischen Öls über den kroatischen Hafen Omisalij verschifft werden. Zusätzlich könnte auch
noch russisches Öl über den polnischen Hafen Danzig exportiert werden. Alles in allem könnte
damit die Exportkapazität der Transneft in diesem Jahr wieder wie 2003 um 8% steigen.
Bis 2010 aber müsste die heutige Leitungskapazität auf 400 Mill. t verdoppelt werden, will man
den steigenden Exportansprüchen gerecht werden. Das erfordert die Verlegung von mindestens
einer neuen großen Pipeline für die Rohölausfuhr. Zurzeit wird über zwei Projekte debattiert:
eine Pipeline aus Ostsibirien nach China oder zum russischen Fernosthafen Nachodka und eine
Leitung zum Hafen Murmansk an der Barents See. Die Pipeline nach China wurde von der in starke
Turbulenzen geratenen Ölgesellschaft Jukos vorgeschlagen, die mit China bereits umfangreiche
Öllieferungen vereinbart hat. Transneft dagegen würde als Ziel dieser Leitung lieber Nachodka
sehen, weil man von dort aus nicht nur China, sondern auch andere Länder mit russischem Öl
beliefern kann. Nicht ausgeschlossen wird auch eine Kombination der Nachodka-Leitung mit einer
Abzweigung nach China. Ungewiss ist jedoch, ob die ostsibirischen Ölvorkommen für ein solches
Vorhaben ausreichen.
Die Murmansk-Pipeline wollen russische Ölgesellschaften unabhängig von Transneft verlegen,
weswegen diese gegen dieses Projekt ist. Der Pipelinebetreiber ist sehr darauf bedacht, sein
Monopol nicht durchlöchern zu lassen. Das Zögern der Regierung bei der Entscheidung über die
Pipeline-Projekte hat den Verdacht aufkommen lassen, dass Moskau trotz zu erwartender
steigender Steuererlöse nicht an einer so schnellen und starken Steigerung der Ölausfuhren
interessiert ist. Vielmehr scheint die Regierung einer gemäßigteren Entwicklung zuzuneigen,
auch um die OPEC nicht zu verprellen und die eigenen Ölgesellschaften nicht zu mächtig werden
zu lassen.
Transneft-Chef Semjon Wainstock hat sich ebenfalls gegen eine Ölexportstrategie um jeden Preis
gewandt. Er befürchtet, dass eine Maximierung der Ölausfuhren dem russischen Markt in zu
starkem Maße Mengen entziehe, außerdem eine rapide Fördersteigerung den heimischen Lagerstätten
schade. Er macht sich deshalb sogar für einen Stop der Expansionspolitik in der Förderung
stark. Wainstock will die Transneft mit ihrem Monopol bei den Ölexportleitungen als
Steuerinstrument für die Entwicklung der Ölgewinnung nutzen. Dazu sollten auch die privat
errichteten Ölterminals an der Küste der Kontrolle durch die Transnefttochter Tansnefteproduct
unterworfen werden. Die hohen Ölpreise haben den Öltransport per Bahn und Binnenschiff
wirtschaftlich werden lassen, was die Ölgesellschaften unabhängiger von Transneft macht. Im
letzten Jahr wurden auf diesem Wege immerhin 37 Mill. t Öl ins Ausland verschafft.
Quelle: ERDÖL-/ENERGIE-INFORMATIONSDIENST Nr. 24 vom 07. Juni 2004 Seite 07

