Unseren neuen Kommentar für den 05.12.16 finden Sie hier.


Unverhofft kommt oft

Die Ölpreise machen Urlaub. Sie entspannen sich. Nach Lage der Dinge wird diese Entspannung bestenfalls eine Phase im Seitwärtstrend sein. Wenn die Finanzindustrie weiterhin auf aggressive Gewinnsteigerung setzen darf, könnte die grundlegende Richtung sogar aufwärts drehen. Wie dem auch sei, es ist nicht zu erwarten, dass bei der Entspannung großartige Vorteile für Verbraucher herausspringen. Das gilt besonders für Europa, wo rückläufige Ölpreise üblicherweise von anziehenden Dollarkursen begleitet werden.

Die preisliche Entspannung kam mit Ansage. Sie ist charttechnisch motiviert. Das heißt, sie ist ein Phänomen von Finanzspielereien. Dabei gäbe es durchaus Gründe, die dem klassischen Verständnis des Preisbildungsmechanismus entsprechen. Allem voran ist die aktuelle Versorgungslage mit einem nach wie vor hohen Angebot und einer eher schwachen Nachfrage zu nennen. Der OPEC mangelt es nicht nur an Disziplin, ihre Quoten einzuhalten. Hinter den Kulissen munkelt man gar über eine Erhöhung der Lieferungen. Mit etwas Phantasie kann man orakeln, dass das Wüstenöl umgehend auf den Markt gepumpt werden soll, weil es später schwerer verkäuflich sein wird. Diese eigentümlich anmutende Rhetorik trägt durchaus reale Züge. Sie hat ihre Wurzeln in neuen technischen Entwicklungen, die unbemerkt neben den großen medialen Themen wie der Elektromobilität, der Wiederentdeckung der Atomenergie und dem Potenzial der Sonne vonstatten gehen. Große Fortschritte in der Bohrtechnologie ermöglichen den Zugang zu altbekannten Öl- und vor allen Dingen Gasvorkommen in Schiefergestein. Diese schienen bisher unerreichbar. Nun können sie erschlossen werden. Das hört sich nicht sehr bedeutend an. Es ist aber bedeutend, weil diese Gasvorkommen nennenswerte Ausmaße haben. Die USA sitzen beispielsweise auf Schiefergasmengen, die den aktuellen Gasbedarf für 100 Jahre decken. Schiefergas gibt es auch in Europa in großen Mengen. Die interessantesten Felder befinden sich in Deutschland, Schweden, Polen, Österreich, Frankreich, Ungarn und Großbritannien. Die Lage dieser Felder kann die Landkarte der Energieflüsse auf der Welt grundlegend ändern. Sie stellt die Bedeutung der großen Lieferanten in der Golfregion des Nahen Ostens und auch Russlands in Frage. Die USA könnten vom größten Energieimporteur der Welt zu einem Energieexporteur werden.

Nun kann man fragen, was denn das Gasangebot mit dem Ölmarkt zu tun hat. Zunächst einmal handelt es sich in einigen Bereichen um konkurrierende Energieträger. Konkurrenz gibt es auf dem Wärmemarkt und in Schwellenländern bei der Stromerzeugung. Bedeutender kann Gas allerdings in Form von Flüssiggas für die Mobilität werden. Für die Autoindustrie ist es allemal naheliegender Gasfahrzeuge zu bauen als Elektromobile zu entwickeln. Ohne Zweifel ist auch die Gasmobilität karbonbasiert. Insofern ist sie ein CO2-Emittent. Andererseits sind Gasautos weit weniger materialintensiv als Elektroautos. Sie bieten eher die Möglichkeit Fahrzeuggewichte zu reduzieren. Die Einsparung von Primärenergie kann erheblich schneller erreicht werden als mit Elektrofahrzeugen. Und Gasmobilität hat den großen Vorteil, dass sie auf eine bereits eingeführte Infrastruktur aufsetzt. Das ist die positive Seite des zu erwartenden neuen Gasangebots. Die negative Seite besteht in der Fortsetzung einer ausufernden CO2-Produktion und einer fortschreitenden Umweltzerstörung. Gas ist beispielsweise die energetische Grundlage für die Ölgewinnung aus Kanadas Sand. Die Produktion ist eine der schlimmsten Umweltsünden unserer Zeit. Dafür interessiert man sich an den Börsen üblicherweise nicht. Insofern wäre das kein Argument, das Potenzial von Schieferöl- und gas bei der Preisbildung zu missachten. Aber bekanntermaßen sind reale Marktgegebenheiten nicht mehr der Motor der Preisentwicklung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Erde viel mehr fossile Energie zu bieten hat, als bisher kalkuliert wurde, ist hoch. Es wäre allerdings töricht, diesen Umstand zum Anlass zu nehmen, den grenzenlosen Konsumismus und die Wachstumsideologie der Industrieländer unkritisch fortzusetzen. Man vergesse nicht, dass neben der Frage des Energie- und Rohstoffaufkommens das Problem der Klima- und Umweltzerstörung existiert. Beide Komplexe sind miteinander verwoben. (Die Produktion von Schieferöl- und gas ist übrigens extrem wasserintensiv.) Und schließlich befinden sich die entwickelten Industrieländer nicht zuletzt deswegen in einer Krise, weil ihre Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle nicht mehr zeitgemäß sind. Das heißt, Veränderung ist allemal vonnöten. Zusätzliche, relativ leicht förderbare fossile Energie verschafft der Menschheit Zeit, die nötigen Veränderungsaufgaben mit der gebotenen Gelassenheit anzugehen. In erster Linie bedeutet das, vor dem Handeln zu denken. Zusätzliche fossile Energie darf aber nicht für ein „weiter so“ missbraucht werden.

Dass es nicht so weitergeht wie bisher, zeigt der Energieverbrauch Deutschlands. Er befindet sich auf einem 40-Jahres-Tief. Auch diese Nachricht kann man positiv und negativ sehen. Wenn man den effizienten Umgang mit Energie als Ziel versteht, hat sie definitiv einen erfreulichen Kern. Zu denken geben sollte die Tatsache, dass der solare Anteil lediglich 0,4 Prozent des Primärenergieverbrauchs beträgt. Gemessen an der Popularität von Solarenergie ist das erstaunlich wenig. Gemessen an den Subventionen für diese Energie ist das erschreckend wenig.

Ein Wort gibt es noch zu den Benzinpreisen zu sagen, die in den letzten Tagen erneut als zu hoch empfunden werden und Anlass für wilde Ursachenforschung geben. Dabei erscheint die Erklärung simpel. Auch hier hat die Finanzindustrie zugeschlagen. Den alten Instinkten einer Frühjahrsknappheit folgend floss in den letzten Wochen viel Geld in Papiere auf Benzin. Dieses Geld trieb die Preise. Eine realwirtschaftliche Grundlage gibt es nicht. Die Aussage der viel zitierten Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaft Claudia Kemfert, dass dafür ungenügende Raffineriekapazitäten in den USA ursächlich seien, ist falsch. Die Zeiten knapper Raffineriekapazitäten sind Vergangenheit. Das wird nicht zuletzt dadurch sichtbar, dass Anlagen stillgelegt werden und dass man mit Raffinerien kein Geld mehr verdienen kann.

Heute Morgen kann man an den Ölbörsen auch kein Geld verdienen. Die Tendenz zu nachgebenden Preisen bleibt erhalten. Die Tonne Gasöl kostet 648,25 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 79,92 Dollar. Der US-Dollar wird zu 73,10 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise geben nach. Sie folgen dem Preisabgang an den Börsen. Der leichte Dollarauftrieb stellt kein großes Gegengewicht dar. Die Abwärtsrichtung sollte sich noch einige Tage fortsetzen. Diese Aussage basiert auf den Ölmarktzusammenhängen. Der dominantere Finanzmarkt spielt ein eigenes Spiel, das außerordentlich stimmungslastig ist. Dieses Spiel können Psychologen besser beurteilen als Ölmarktbeobachter. Gleichwohl riskieren wir die Prognose, dass Heizöl in Kürze billiger sein wird. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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