Jetzt geht es um Chinas Ölbedarf
von Klaus Bergmann

Internationaler Markt
Mit einem Brent-Preis von knapp 100 Dollar pro Barrel ist Rohöl zweifellos teuer. Bemerkenswerter ist derzeit allerdings eine andere Frage: Warum ist Öl angesichts der geopolitischen Verwerfungen eigentlich nicht noch wesentlich teurer? Die Eskalation am Persischen Golf bedroht die wichtigste maritime Lebensader des globalen Ölhandels, während der Ukraine-Krieg zunehmend die russische Raffinerieindustrie trifft. Eine solche Konstellation wäre durchaus geeignet, Ölpreise deutlich jenseits von 100 Dollar auszulösen.
Die außergewöhnliche Lage manifestiert sich täglich in der Straße von Hormus. Seit Beginn der Auseinandersetzungen zwischen USA und Iran ist sie nur noch eingeschränkt passierbar. Zwar können Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate Teile ihrer Exporte über alternative Pipelines und Häfen umleiten. Die normalerweise über Hormus transportierten Mengen lassen sich damit jedoch nur teilweise ersetzen. Zudem sind nicht allein Rohöllieferungen, sondern auch Raffinerien und Produktexporte aus der Region betroffen.
Parallel dazu verschärft der Ukraine-Krieg die Situation. Die ukrainischen Angriffe auf russische Raffinerien reduzieren nicht die Rohölförderung. Sie reduzieren die Fähigkeit Russlands, Ölprodukte auf den Weltmarkt zu bringen. In der EU wird darüber hinaus der Preis für die eigenen Sanktionen gezahlt. Das alles führt dazu, dass die Preise für Mitteldestillate, das sind Heizöl, Diesel und Kerosin, tendenziell stärker steigen als die für Rohöl.
Dass Brent dennoch „nur“ knapp unter 100 Dollar pro Barrel notiert, hat viel mit China zu tun. Der drastische Rückgang der chinesischen Rohölimporte um zeitweise vier bis fünf Millionen Barrel pro Tag hat wesentlich dazu beigetragen, einen noch stärkeren Preisanstieg zu verhindern. Der wichtigste Rohölimporteur der Welt reagierte auf hohe Preise und unsichere Lieferungen nicht mit einem Wettlauf um die verbliebenen Barrel, sondern mit Kaufzurückhaltung und Lagerabbau. Ausgerechnet China wurde damit zum Nachfragedämpfer in einem Markt, der dringend Entlastung benötigt.
Inzwischen kommt ein zweiter Effekt hinzu. Chinas gewaltige Raffinerieindustrie kann wieder verstärkt Ölprodukte auf den Weltmarkt bringen. Vereinfacht gesagt nimmt China weniger Rohöl vom internationalen Markt ab und gibt gleichzeitig mehr raffinierte Produkte an ihn zurück. Beides wirkt preisdämpfend. Die zusätzlichen chinesischen Diesel- und Kerosinexporte sind in der gegenwärtigen Situation besonders willkommen.
Doch dieser chinesische Entlastungseffekt funktioniert nicht unbegrenzt. Niedrige Rohölimporte bei gleichzeitig steigender Raffinerieaktivität lassen sich nur aufrechterhalten, solange China auf eigene Lagerbestände zurückgreifen kann. Werden diese stärker beansprucht, muss das Land früher oder später wieder mehr Rohöl am Weltmarkt kaufen. Damit könnte China selbst einen neuen Preisschub erzeugen. Ungünstig ist, dass auch außerhalb Chinas die Reserven schwinden. Nach Analystenschätzungen sind die Ölvorräte dort seit Beginn des Iran-Krieges um mehr als 400 Millionen Barrel gefallen. Der globale Puffer gegen weitere Angebotsstörungen wird damit auf beiden Seiten dünner.
Genau diese Asymmetrie spiegelt sich in den jüngsten Einschätzungen von Goldman Sachs. In einem Basisszenario erwartet die Bank eine allmähliche Normalisierung und sieht das Barrel Brent auf Sicht von drei Monaten bei rund 81 Dollar, nach sechs Monaten bei 79 Dollar und nach zwölf Monaten bei 74 Dollar. Realitätsnäher wirkt derzeit allerdings das Risikoszenario. Sollten sich die Angriffe auf die Schifffahrt im Nahen Osten ausweiten, halten die Goldmänner 120 Dollar pro Barrel für möglich. Bei einer längerfristig stark eingeschränkten Passage durch die Straße von Hormus sehen die Banker sogar Preise oberhalb von 130 Dollar.
Die bemerkenswerte Botschaft des Ölmarktes lautet deshalb nicht, dass knapp 100 Dollar für ein Barrel Brent besonders hoch sind. Vielmehr erscheinen knapp 100 Dollar angesichts des Ausmaßes der Störungen erstaunlich moderat. Bislang haben alternative Transportrouten, zusätzliche Produktion außerhalb des Persischen Golfs und vor allem die Anpassungsfähigkeit Chinas verhindert, dass aus der geopolitischen Krise ein noch größerer Ölpreisschock wurde. Doch diese Stoßdämpfer verlieren mit der Zeit an Wirkung. Lager können nicht beliebig lange geleert und chinesische Rohölkäufe nicht dauerhaft auf außergewöhnlich niedrigem Niveau gehalten werden. Sollte sich die Situation beim Rohöl wie befürchtet ändern, würden die Produktenpreise ebenfalls einen weiteren Preisschub erleiden.
An den Börsen sehen wir die Notierungen für Rohöl Brent heute Morgen hart gegen die Marke von 100 Dollar streben. Die Gasölnotierungen halten derweil noch das gestern erreichte hohe Preisniveau.
Das Barrel WTI (West Texas Intermediate) wird aktuell zu 94,41 Dollar
und das Barrel Brent zu 98,90 Dollar
gehandelt. Die Tonne Gasöl kostet 1.459,00 Dollar
. Der US-Dollar kostet aktuell 0,8609 Euro
. Damit kostet der Euro 1,1614 Dollar
. Die Pfeile hinter den Zahlen geben die Veränderung zum Handelsauftakt des Vortags an.
Nationaler Markt
Die Heizölpreise bewegen sich heute Früh kaum, wie die aktuelle Heizölpreis-Tendenz zeigt. Sie folgen damit den internationalen Vorgaben. Diese folgen allerdings noch nicht den Vorgaben des Rohöls. Wie dem auch sei, die Preistrends beim Heizöl sind alles andere als verheißungsvoll. Sie weisen in den kaufrelevanten Perioden allesamt aufwärts.
Mit dem Ende der Urlaubszeit steigt der Bedarf an Frachtraum auf dem Rhein wieder etwas an. Das geschieht bei anhaltend niedrigen Wasserständen. Bisher sind lediglich die Tiefststände überwunden. Weitere Regenfälle lassen auf sich warten. Frachtraum ist immer noch drei- bis viermal so teuer wie üblich.
Im Binnenmarkt ist trotz der Preise ein moderater Anstieg des Kundeninteresses an Heizöl zu erkennen. Die Hoffnung auf bessere Preise liegt indes am Boden. Unser Schwarm-O-Meter für Heizöl, das die Käufe der Kunden ins Verhältnis zu ihren Preisanfragen setzt, und die Lesereinschätzung zur Preisentwicklung zeigen die Befindlichkeit der Kunden entsprechend an. Das eine steht heute Morgen auf mittlerem Niveau für die Kaufintensität, das andere auf einem homöopathischen Mehrheitswert für die Erwartung auf fallende Heizölpreise.
Unser Satz an alle unentschlossenen Kunden lautet: Vom Ende des erhöhten Preisniveaus kann man derzeit nur träumen. Wer Heizöl kaufen muss oder möchte, sollte sich für den Kauf einer Teilmenge entscheiden, um im kommenden Jahr hoffentlich deutlich günstiger ordern zu können.
Im Übrigen sind wir mehr denn je der Meinung, dass wir alle verbrauchsreduzierende Maßnahmen und Verhaltensweisen entwickeln müssen, um zukunftsfähig zu sein.
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Heizölpreise-Chart vom 08. September 2026
