Unseren neuen Kommentar für den 04.12.16 finden Sie hier.


Die Zukunft wird spannend

Nun soll sie also stattfinden, die Energiewende. Im Gegensatz zum letzten Wendeentwurf, der vor seinem ersten Geburtstag bereits Makulatur wurde, ist die Brückentechnologie nicht mehr die Kraft des Atoms, sondern die von Gas- und Kohle. Die Stromversorgung der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt wird binnen 11 Jahren atomstromfrei. Ein Zurück von dieser Entscheidung soll es nicht mehr geben. Der plötzliche Gleichklang der politischen Meinungsträger wertet ihre Integrität nicht gerade auf. Er erhöht aber die Realisierungschance des Unternehmens Energiewende ohne Atomkraft. Die offizielle Reaktion der Industriegesellschaften ist blankes Entsetzen. Im Mittelalter hätten sie die Entscheidung für Blasphemie gehalten und extreme Konsequenzen folgen lassen. Den vier im Kanzleramt gut vernetzen Energieversorgern ist das kommunikative Netz abhanden gekommen. Sie sind um Fassung bemüht und reden von schlimmen Konsequenzen für das elektrische Netz. Den Industriestandort Deutschland sehen sie am Ende. Das Volk goutiert die Entscheidung. Schließlich hat es diese gewissermaßen erzwungen. Und das Volk steht anders als die Regierung keineswegs allein unter Nachbarn da. Gestern votierten über 90 Prozent der Italiener bei hoher Abstimmungsbeteiligung gegen die Wiedereinführung der Atomenergienutzung. Die Schweiz wird ebenfalls aussteigen. Österreich ist schon lange raus. Norwegen und Dänemark waren nie drin. Plötzlich wird eine Achse von Spitzbergen bis Malta, deren größter Teil zur globalen Industrieelite gehört, atomkraftfrei. Würden mehr Volksstimmungen zu realer Politik, drohte weiteren Staaten das Ende der Atomwirtschaft.

Die Horrorvision von energiepolitischen Konservativen, der elektrische Blackout, wird wohl kaum kommen. Schließlich ist die Energiewende nicht so radikal, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheint. Der temporäre Einsatz von Gas- und Kohlekraftwerken wird für ein ausreichendes Angebot sorgen. Genau hierin liegt die Krux des Unterfangens. Der Rückgriff auf andere fossile Energieträger macht die Wende nicht zu einem Lehrstück in Sachen Nachhaltigkeit. Das ist aber der Anspruch, den die erweckte politische Klasse hierzulande formuliert. In der Realisierung dieses Anspruchs liegt die große Chance auf Erneuerung der alten Industriegesellschaften. An diesem Anspruch können endlich wieder Visionen und Träume wachsen. Nach 60 Jahren sehr erfolgreicher jüngerer Industriegeschichte ist das Schneller, Höher, Weiter, Größer des materiellen Wachstums sinnentleert. Das leistungsstärkere Auto, der größere Prozessor, immer neue Features im Handy, der schnellere Modewechsel, das größere Haus auf kleinerem Grundstück haben den Wert als Lebensziel längst verloren. Allenfalls als zweifelhafte Statussymbole, die sich bei wachsender sozialer Ungleichheit im Laufe der Zeit immer weniger Menschen werden leisten können, haben sie eine Überlebenschance. Visionär ist hingegen alles, was Wohlstand verstanden als Wohlbefinden bei sozialer und ökologischer Ausgewogenheit vorantreibt. Eine Energiewende, die mehr wendet als den Ersatz von Atomstrom durch Gas- und Kohlestrom, ist visionär. Immerhin sind im aktuellen Wendeverhalten die richtigen Tendenzen zu erkennen. Zur richtigen Einstimmung sind mehr kraftvolle Worte gefragt, wie sie beispielsweise Matthias Kleiner, Mitvorsitzender der Ethikkommission und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit Verweis auf unsere Ingenieurskunst sagte: „Wer, wenn nicht wir, ist in der Lage das große Gemeinschaftswerk zu vollbringen.“ Eine Anleihe bei John F. Kennedy würde auch gut passen. „Wir haben uns entschlossen, die Energiewende zu machen, nicht weil sie einfach, sondern gerade weil sie schwierig ist!“

Die Energiewende wird unser Verbrauchsverhalten langfristig umgestalten. Sie ist die Kunst, einen befriedigenden Wohlstand ohne die Nutzung fossiler Energien zu erreichen. Wohl gemerkt langfristig. Morgen geht das noch nicht. Zweifler sagen, das geht nie. Es muss aber gehen, weil die fossilen Energieträger der Erde langfristig nicht nutzbar sind. Durch den Druck, der nicht zuletzt von deutscher Politik ausgeübt wird, lassen mittlerweile auch hartgesottene Meinungsmacher neue Erkenntnisse über den zukünftigen Umgang mit Energie zu. Die IEA (Internationale Energie Agentur) ist dezidiert atomkraftfreundlich aufgestellt. Sie kritisiert den deutschen „Sonderweg“. Aber die IEA erkennt nun an, dass sich Wind-, Sonnen- und Wasserstrom weit besser für eine sichere Versorgung nutzen lassen als bisher angenommen. Studien haben gezeigt, dass die wetterbedingte Variabilität kein Hindernis für ihren Einsatz als ausgleichende Energie im Netz ist. Die alte Ansicht, nach der eine große fossile Kapazität als Reserve vorzuhalten sei, ist nicht mehr uneingeschränkt gültig. Langfristig müssen wir bei der Stromnutzung lernen, mit wechselhaftem Angebot umzugehen. Es gibt viele Bedarfsfälle, die nicht zeitnah befriedigt werden müssen. Hierzu zählen Prozessanwendungen die Wärme aus Strom erzeugen.

Wir werden auch lernen, sehr sparsam mit Energie umzugehen. Was hierbei möglich ist und mit welcher Begeisterung man an dem Thema arbeiten kann, zeigen Studenten Jahr für Jahr auf dem von Shell organisierten Eco Marathon. Ein Mailänder Team angehender Ingenieure fuhr mit einer Kilowattstunde Solarstrom sagenhafte 1108 Kilometer weit. Ein französisches Team aus Nantes schaffte in der Kategorie Benziner mit einem Liter Kraftstoff ein Streckenäquivalent von 3688 km. Diese Beispiele beziehen sich auf Prototypen im Stil von Rennboliden eines besonderen Formats. Die Veranstaltung hat unter dem Titel UrbanConcept-Cars aber auch nahezu gebrauchsfähige Technik zu bieten. Eine dänische Studentengruppe erreichte mit ihrem Fahrzeug einen Verbrauchswert von 0,2 Liter Ethanol pro hundert Kilometer. Der CO2-Ausstoß beträgt 3,63 Gramm pro Kilometer. Sehr gute Autos kommen heute nicht unter einen Wert von 80.

All das ist faszinierend und ermutigend. Es lässt spannende Entwicklungen für die Zukunft erwarten. Weniger spannend ist das täglich Geschacher an den Ölbörsen. Dort werden die geschilderten Chancen noch nicht gehandelt. Würden sie es, wäre der Ölpreis längst nicht so hoch, wie er ist, und er drohte nicht immer höher getrieben zu werden. Aktuell kostet die Tonne Gasöl 993,50 Dollar. Das Barrel Rohöl wird in New York zu 97,66 Dollar und in London zu 119,11 Dollar gehandelt. Der US-Dollar kostet 69,14 Eurocent.

Unsere Heizölpreise kriechen langsam aufwärts. Zeitweise wirkte eine doppelte Unterstützung von den Öl- und von den Devisenbörsen. Aktuell hat sich die alte Wechselbeziehung Ölpreis rauf, Dollar runter wieder eingestellt. Diese Paarung hat die größte Wahrscheinlichkeit, langfristig gültig zu sein. Das von vielen Verbrauchern sehnsüchtig erwartete Einknicken der Preise wird nur bei einem größeren Knall im Finanzsystem eintreten. Garantie für geringere Energieausgaben gibt es ausschließlich in Verbindung mit Maßnahmen zum Energiesparen. Auf die entsprechende Technik gibt es auch noch Garantie.

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