Unseren neuen Kommentar für den 03.12.16 finden Sie hier.


Wir haben ein Konzept

Wir haben ein Konzept. Wir sind Deutschland und das Konzept steht für eine umweltschonende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung. Complimenti würde der Italiener sagen. Revolutionär sagt die Kanzlerin. Das von ihr gewählte Attribut ist mit Sicherheit nur für eine Minderheit der bundesdeutschen Bevölkerung positiv besetzt. Insofern ist es etwas unglücklich gewählt. Es lädt zu ihrem biografischen Diskurs ein. Ich schlage die Einladung aus. Das Energiekonzept ist an dieser Stelle ergiebiger oder es sollte wenigstens ergiebiger sein.

Energie, das ist in Deutschland ein primäres Aufkommen von 37 Prozent Mineralöl, je 23 Prozent Erdgas und Kohle sowie je 9 Prozent Atom und andere Energieträger, von denen die erneuerbaren den größten Anteil ausmachen. Bei der Nutz- oder Endenergie sieht die Verteilung wie folgt aus: 37 Prozent Öl, 25 Prozent Gas, 21 Prozent Strom und 16 Prozent andere Energiearten mit einem gehörigen Anteil Kohle und Fernwärme. Zwischen dem Aufkommen und der Endenergie wird aufbereitet und umgewandelt. Dabei geht viel verloren. Würde man den Verlust als Position der Endenergie ausweisen, wäre sie mit 50 Prozent die mit Abstand größte. Wir leisten uns tatsächlich den unrühmlichen Luxus, das Äquivalent von einem halben Endenergieverbrauch des Landes nutzlos in die Umwelt zu entlassen. Und das ist noch nicht alles. Wenn man die Anwendungen, für die wir Energie benötigen, genauer unter die Lupe nimmt, stellt man fest, dass die Realität noch viel niederschmetternder ist. Die Verbraucher selbst produzieren nämlich zusätzliche, teilweise atemberaubende Verluste. Beim Auto sind es annähernd 80 Prozent.

Was sagen uns die Zahlen? Öl ist der wichtigste Energieträger. Strom ist weniger bedeutend als allgemein angenommen. Dass um den kleinen Atomanteil die lauteste Debatte im Energiekomplex geführt wird, entbehrt jeder Logik. Die Umwandlungsverluste sind niederschmetternd. Da diese Verluste in erster Linie bei der Elektrizitätsherstellung anfallen, hat Strom schließlich doch eine große, aber derzeit keine positive Bedeutung.

Für die Umwelt sind Öl und Strom die größten Sündenfälle gefolgt vom Gas. Laut Energiekonzept soll das Energieaufkommen in 40 Jahren um die Hälfte gegenüber heute sinken. Die nicht erneuerbaren Energieträger sollen dabei noch deutlicher zurückgedrängt werden. Im Ergebnis soll eine Minderung der Treibhausgasemissionen um 80 Prozent und eine hinreichende Versorgungssicherheit trotz schrumpfender fossiler Ressourcen herauskommen.

Um zu erklären, wie sich die Bundesregierung das vorstellt, müssen weitere Zahlen auf den Tisch. Sie betreffen den sektoriellen Bedarf der Endenergie. Der größte Bedarf fällt mit 37 Prozent in Form mechanischer Energie an. Sie wird in erster Linie zum Transport gebraucht. In kleinerem Maß ist sie zur Güterherstellung und für Dienstleistungen notwendig. 34 Prozent der Endenergie werden für Raumwärme benötigt. Der überwiegende Teil wird für das Wohlbehagen beim Wohnen nachgefragt. 26 Prozent der Endenergie ist Prozesswärme. Sie ist für die Produktion aber auch für Wäschewaschen und Kochen erforderlich. Bis 100 Prozent, also zum Ganzen bleibt nun nur wenig übrig. Dazu gehört unter anderem Beleuchtung mit einem Anteil von knapp zwei Prozent. Um diese zwei Prozent dreht sich übrigens das Gesetz zur Zwangseinführung der Energiesparlampe. Selten wurde so viel Lärm um nichts gemacht. Es ist alles andere als eine Sternstunde des europäischen Parlamentarismus.

Im Energiekonzept genießt die Position Raumwärme besondere Bedeutung. Es ist schlüssig, dass diese Position drastisch gesenkt werden soll. In 40 Jahren sollte für Raumwärme weniger als 20 Prozent des heutigen Bedarfs aufgewendet werden. Die Techniken hierzu sind bekannt. Bereits in wenigen Jahren werden Baugenehmigungen nur noch für Passivhäuser erteilt werden. Das eigentliche Problem ist der Bestand. Um damit fertig zu werden, muss ein anderes Verhältnis zum Haus entstehen. Darüber schweigt sich die Regierung allerdings aus. Ohne Abrissbirne wird es nicht gehen. Die Idee, dass Hausbestand per se einen Wert darstellt, ist nicht mehr haltbar. Gebäude erfahren, genauso wie Autos, einen Wertverlust, der bis Null gehen kann. Bei Immobilien ist lediglich der Baugrund wertstabil, weil dieser nicht vermehrbar ist.

Die Ideen des Energiekonzepts zum Block Mechanische Energie zielen in erster Linie auf das Autofahren ab. Diese sind weit weniger schlüssig als bei der Raumwärme. Sie drehen sich in erster Linie um Elektromobilität. Die dargestellte Zahlenlage zeigt, wie problematisch Strom im Energiemix ist. Es wäre weitaus vernünftiger, Stromvermeidungsstrategien zu entwickeln, als einem vollkommen unausgereiften Stromzeitgeist zu folgen. Die Elektromobilität steht derzeit ähnlich unausgegoren da wie die Atomenergie. Der einen fehlen die Speicher, der anderen die Endlager. Für beide Probleme sind keine Lösungen in Sicht. Das Autofahren muss deshalb keineswegs eingestellt werden. Technisch bietet es gewaltiges Einsparpotenzial. Um das zu heben, müssen wir allerdings bereit sein, die Kultur des Autofahrens zu verändern.

Der größte Teil des Energiekonzepts ist dem Strom gewidmet. Weil dieser heute eine so dramatisch schlechte Energiebilanz hat, ist das verständlich. Dem realen Endenergiebedarf wird dieser Umstand allerdings nicht gerecht. Vollkommen unsinnig ist die Diskussion um die Atomenergie. Alles andere als die Fortsetzung der Ausstiegsstrategie wird der Sache nicht gerecht. Leider lässt sich die Regierung auch in diesem Punkt von machtvollen Einzelinteressen vorantreiben. Ähnliches geschah im Kraftstoffbereich, indem eine sehr lebendige, von mittelgroßen Unternehmen geprägte Bioölszene zugunsten der Interessen internationaler Mineralölkonzerne zur Aufgabe gezwungen wurde. Beispielhaft für diese Politik sind nicht zuletzt die Aktivitäten zur Rettung der Finanzindustrie. Die stereotype Handlungsweise ist der Kniefall vor Größe. So verhält es sich nun wieder beim Thema Strom im Energiekonzept. Da werden vier deutsche Atomstromgesellschaften begünstigt. Das geht auf Kosten hunderter regionaler Produzenten, deren Erzeugungskonzepte allemal mehr den Namen Brückentechnologie verdienen als die Atomenergie. Ihre Brücke ist unter anderem das im Wärmemarkt frei werdende Gas, das zur Verstromung eingesetzt wird. Mit diesem lässt sich im Gegensatz zur Atomenergie das größte Problem der Stromwirtschaft, die Ineffizienz bzw. die dramatische Verschwendung einigermaßen gut in den Griff bekommen.

Effizienz ist ein zentraler Begriff im Regierungspapier. Beim Lesen beschleicht einen aber das Gefühl, dass auch hier mehr Zeitgeist als Sachverstand zugrunde lag. Eine Auflistung der Forschungsthemen lautet beispielsweise: Erneuerbare Energie, Energieeffizienz, Energiespeichertechnologien und Netzwerk, Integration der erneuerbaren Energien in die Versorgung. Die Zusammenstellung lässt eine Ordnung in Bilanzposten vermissen. Diese Ordnung ist aber nötig, um zielsicher zu agieren. Wenn wir nicht lernen, solide zwischen Angebots- und Nachfragepositionen zu unterscheiden und die jeweiligen Posten auf ihrer Bilanzseite im Vierklang Technik, Soziales, Kultur und Politik zu behandeln, werden wir das angestrebte Ziel Nachhaltigkeit nicht erreichen. Mit diesem Anspruch gelesen entpuppt sich das revolutionäre Energiekonzept als unergiebige Zusammenstellung bekannter Rezepte und Bewahrung von Partikularinteressen.

Es wundert am Ende leider nicht, dass dem aufgeregten Schlachtruf „Weg vom Öl“ mit dem Energiekonzept keine unaufgeregte und verständliche Strategie entgegen gestellt wird. Ebenso wenig wundert man sich über das Fehlen von Maßnahmen, die den misslichen Zusammenhang zwischen Öl- und Finanzmärkten thematisieren oder gar angehen.

Am Ölmarkt geht genau dieses Zusammenspiel weiter. In diesen Tagen ist es wieder besonders stark zu spüren. Gestern mussten die Ölkontrakte abermals für eine Preissteigerung herhalten. Der Dollar fiel nicht im gleichen Maße. Die Tonne Gasöl kostet 671,50 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 77,17 Dollar und in London 78,96 Dollar. Der US-Dollar wird zu 77,49 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise steigen moderat. Die Teuerung ist von den Aktienmärkten inspiriert. Der Dow Jones ging gestern mit einem leichten Plus aus dem Handel. Einen größeren Schub erhielten die Preisphantasien durch die Schließung einer Ölpipeline, die von Kanada in die USA führt. Der Aufschlag könnte sich demnächst wieder auflösen, wenn auch der letzte Marktteilnehmer begriffen hat, dass die Abschaltung auf die Überversorgung der USA kaum einen Einfluss haben wird. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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