Unseren neuen Kommentar für den 10.12.16 finden Sie hier.


Ein Jahr der vertanen Chancen

Der Ölmarkt ist nicht nur ein Markt für Rohstoffe, er ist auch und in erster Linie ein Markt für Finanzderivate. Deshalb enthalten viele Ölmarktkommentare Stellungnahmen zum Finanzsystem. Das Jahr 2009 bot außergewöhnlich viele Anlässe für derartige Stellungnahmen. Nachdem der Finanzindustrie gegen Ende des Jahres 2008 eine ungeheuerliche Flut von Staats- respektive Steuergeldern zugesagt wurde, um aus der selbstverschuldeten Krise herauszukommen, begannen diese Gelder im ersten Quartal 2009 Wirkung zu zeigen. Noch trugen die Protagonisten der Katastrophe das Büßergewand. Sie waren kleinlaut. Aber sie engagierten sich mit frischem Geld ausgestattet bereits wieder im Ölmarkt. Den Preisen sah man das nicht an. Sie blieben einstweilen im Keller. Begründet wurde das mit negativen Konjunkturaussichten.

In dieser Phase der Krisenbewältigung gab es Hoffnung. Man durfte hoffen, dass das Ende der unregulierten Finanzindustrie gekommen sei. Damit verbunden war die Hoffnung, dass sich die dramatisch aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich, zwischen einem schwachen aber breiten Wohlstandswachstum und dem starken aber exklusiven Finanzmittelwachstum, wieder schließen würde. Vielen Menschen auf der Erde wird nicht einmal ein schwaches Wohlstandswachstum zuteil. Und man durfte Hoffen, dass das auf Konsumwachstum fixierte Wirtschaften überwunden wird. Dazu gehört der Abschied von der ressourcenintensiven Wirtschaft zu Gunsten einer intelligenten Stoffströme reduzierenden Ökonomie. Ein Wirtschaftsinstitut formulierte die Hoffnung, die Marketinggesellschaft gegen die Wissensgesellschaft zu tauschen, „die der Substanz wieder mehr Priorität einräumt als ihrer bloßen Vermarktung“. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) als Maß zur Wohlstandsmessung ist infrage gestellt. Der Staatspräsident Frankreichs Nicolas Sarkozy höchst persönlich rief eine Kommission ins Leben, die eine neue Wohlstandsdefinition entwickeln soll. Wenn die Krise als Chance empfunden wird, bekam man im ersten Quartal 2009 einen Eindruck davon, wie sie sich anfühlt. Begleitet wurde das alles mit dem verheißungsvollen Schlachtruf „Change“ aus den USA.

Gegen Ende des ersten Quartals kam die Ernüchterung zurück. Zunächst kam sie gezügelt. Sie ließ Raum für wechselnde Ansichten. Am Ölmarkt begannen die Preise zu steigen. Sie stiegen, obwohl die Konjunkturaussichten in ihrer bisher gültigen Beschreibung dürftig waren. Dessen ungeachtet kamen die Aktienkurse ebenfalls aus ihren Tiefen zurück. Schnell wurde klar, dass hier nicht wirtschaftliches Wohlergehen bepreist wurde. Hier wurde das alte Spiel mit frischem Geld gespielt. Die Finanzindustrie war zurück. Das Casino war wiedereröffnet. Die Politik schwieg. Angekündigte Regulierungen waren bis dato nicht erdacht geschweige denn umgesetzt. Die Banker gewannen ihr Selbstbewusstsein wieder. Sie sprechen es nicht offen aus, aber sie wissen, dass sie die Staaten in Geiselhaft genommen haben. Mit jeder Erhöhung der Aktienkurse wird die Einflussnahme der Politik unwahrscheinlicher. Wenn Kurse fallen können, werden sie durch Regulierung fallen. Darüber gebietet die Finanzszene. Je höher die Kurse steigen umso tiefer werden sie fallen. Den Fall wird kein demokratischer Politiker riskieren.

Im dritten Quartal war die Hoffnung gestorben. Das System der unverschämten Gewinne, der Trennung zwischen Habenichtsen und unglaublichem Überfluss stand stabiler da als zuvor. Es hatte sich mit dem Geld der Habenichtse neu aufgestellt. Die Beraubten spüren den Raub noch nicht. Ihr Verlust wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten schmerzvoll wahrgenommen werden. Die Politik ließ die Finanzindustrie gewähren. Sie bot der Aufmerksamkeit der Betroffenen erfolgreich ein paar überkommene Themen an. Mit Abwrackprämie und Wachstumsbeschleunigungsgesetz wurde jedweder intelligenten Umgestaltung unserer Wirtschaft eine Absage erteilt. Mit der Schuldenbremse, einer Art Offenbarung des „Führe mich nicht erneut in Versuchung“, wurde der Bildungspolitik hierzulande ein weiterer Dolchstoß verpasst. Sichtbar wird das in der Tatsache, dass die Länder im Gegensatz zum Bund beim Schuldenmachen unter Nulltoleranz stehen. Bildung ist allein die Sache der Länder. Land auf Land ab wurde derweil über die Bedeutung von Bildung für die moderne Gesellschaft schwadroniert. Derweil stiegen Aktienkurse und Ölpreise weiter auf, was die Politik zum Ausruf des Endes der Krise veranlasste. Damit ließen sich ihre jüngsten Versäumnisse einigermaßen gut kaschieren.

Im vierten Quartal ist der rasante Wiederaufstieg der Aktienkurse und Ölpreise erheblich gebremst. Gebremst ist auch die Energie des Schlachtrufs „Change“. Der Rufer ist nicht der Erlöser. Soviel ist nun klar. Das Wirtschaftsystem ist nicht zusammengebrochen. Aber es leidet. Die Frage, ob es an der überwundenen Finanzkrise leidet oder ob es längst vor dieser Krise durch Renovierungsstau in Schieflage gekommen ist, wird nicht gestellt. Und die Hoffnungen, sie sind begraben. Aber die Erinnerung an die Hoffnungen lebt. Es ist durchaus möglich, dass in nicht all zu ferner Zukunft eine neue Krise neue Chancen bietet. Aber auch ohne neue Krise gibt es Chancen. Das zeigt die Geschichte der schlimmsten Wirtschaftskrise seit 1929. Die Tatsache, dass ein Einbruch der Wirtschaft hierzulande um rund fünf Prozent keine Massenarbeitslosigkeit und keine Massenarmut ausgelöst hat, sollte als Signal dafür verstanden werden, den nötigen Umbau unserer Art zu wirtschaften mutiger zu vollziehen. Die Angst der Politik, durch neue Wege den Abstieg der Volkswirtschaften zu verursachen, ist unbegründet. Diese Lehre darf man aus den Krisenereignissen ziehen. Wenn wir unsere Gesellschaften zukunftsfähig machen, ist auch die Sorge, dass uns das Öl ausgeht, unbegründet. Immerhin, auch in politischen Kreisen keimen zarte Pflanzen dieser Erkenntnis. Aber auf die Politik zu warten, wäre falsch. Sie wird sich nur bewegen, wenn es bewegende Strömungen in breiten gesellschaftlichen Gruppen gibt.

Im nächsten Jahr wird der Widerstreit zwischen Umbau und Bewahren weitergehen. Dabei darf man den Umbauern eine Ölpreis dämpfende Kraft und den Bewahrern eine Ölpreis anfachende Energie zuschreiben. Die Spitze der Bewahrer bildet die Finanzindustrie. Ihr Erfolg wird zum Misserfolg der Gesellschaft als Ganzes führen. Langfristig stellt sich die Frage, ob sich diese Industrie selbst erledigt oder ob es anderen gesellschaftlichen Kreisen gelingt, sie von der Spitze zu vertreiben.

Heute Morgen legen die Finanzjongleure beim Preis noch eine Schippe darauf. Sie haben einen leich bullischen Lauf. Gasöl kostet 629,00 Dollar. Rohöl kostet in New York 78,71 Dollar. Der US-Dollar wird zu 69,58 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise ziehen weiter an. Auch gestern lieferten die Nachrichten aus dem Iran und Russland Stoff, um die Ölpreise nach oben zu treiben. Die schwächere Dollarnotierung kann da nicht gegen halten. Noch leiden die Ölnotierungen unter der mit Geld ausgestatteten Finanzindustrie. Das relativ gut gelaufene Weihnachtsgeschäft in Europa und den USA führt zu weiteren Wachstumshoffnungen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Preise noch etwas steigen ist zurzeit größer als dass sie kurzfristig fallen. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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