Unseren neuen Kommentar für den 02.12.16 finden Sie hier.


Rohöl ist nicht Gasöl

Die Ölpreise sind wieder ganz unten. Aber Heizölkäufer sind unzufrieden. Der allzu menschliche Hang, die Dinge eher negativ und sich selbst als zu kurz gekommen zu sehen, ist als Begründung für die Gefühlslage ungeeignet. Die Heizölpreise sind schließlich nicht ganz unten. Also gibt es einen objektiven Grund zur Klage. Die Frage ist allerdings, an wen sich die Klage richten soll. An diejenigen, die die Preise möglicherweise ungerechtfertigt hoch halten oder an diejenigen, die mit Teilinformationen mehr Verwirrung als Erkenntnis stiften?

Was ist der Sachstand? Rohöl der Sorte WTI (West Texas Intermediate) wird in New York wieder unter 40 Dollar pro Barrel gehandelt. Heute Morgen sind es 36,44 Dollar. Der Preis liegt auf dem Niveau der Tiefstände um die Weihnachtszeit. Rohöl der Sorte Brent kostet um die 42 Dollar. Das ist deutlich höher als das Weihnachtsniveau. Der natürliche Preis von Brent liegt qualitätsbedingt etwas tiefer als der von WTI. Wir verfügen über keine gesicherte Erklärung zu der „unnatürlichen“ Differenz. Die Vermutung sagt uns, dass eine erhöhte Nachfrage im Euroraum ursächlich ist. Hier sind die Raffinerien auf Grund einer höheren Produktennachfrage als in den USA deutlich besser ausgelastet. Sie fordern mehr Rohöl an.

Die Nachfrage nach Ölprodukten ist weniger stark gesunken als die Nachfrage nach Rohöl. Das spiegelt sich im Preis wider. Gasöl, das börsengehandelte Äquivalent zu Diesel, Heizöl und Kerosin, ist aktuell rund 17 Prozent teurer als um die Weihnachtszeit. Heute Morgen kostet die Tonne 449 Dollar. Als vorweihnachtlichen Tiefststand haben wir 382,50 Dollar notiert. Grund für das relativ hohe Preisniveau ist die starke Nachfrage nach Heizöl. Diese wiederum hat zwei wesentliche Ursachen. Zum einen sind die lang andauernden tiefen Wintertemperaturen zu nennen. Zum anderen sind mehr und größere Abnehmer im Markt als üblich, weil gewerbliche Gaskunden auf Grund des erheblich niedrigeren Preises zu Heizöl gewechselt sind. Das russische Verwirrspiel um die Gaslieferungen wirkt ebenfalls unterstützend. Es hat eine unrühmliche, die Preise in ähnlicher Weise beeinflussende Tradition.

Die Unzuverlässigkeiten um die Gaslieferungen sind eine postkommunistische Erscheinung. Sie traten seit 1992 in neun Jahren auf. Über die exakten Gründe für teilweise oder komplette Liefereinstellungen darf trefflich spekuliert werden. Es sind sicher andere als die in der Öffentlichkeit diskutierten. Ohne Zweifel werden sich russische Öllieferanten über die erzielten Kollateraleffekte höherer Ölpreise klammheimlich freuen.

Aktuell ließe sich der höhere Gasölpreis mit höheren Einstandskosten für Rohöl der Sorte Brent begründen. Diese Momentaufnahme gibt aber keineswegs die üblichen Verhältnisse wieder. Üblich im Sinn der letzten Jahre ist ein steigender Gewinn bei den Raffinerien. Die erleben ein goldenes Jahrzehnt. Dabei überstrahlt das Jahr 2008 alle anderen Jahre. Im Durchschnitt betrugt die Verarbeitungsrendite fast 50 Prozent. In Spitzenmonaten kam sie sogar an 65 Prozent heran. Raffinerien waren allerdings nicht immer derartige Goldgruben wie heute. In den 1980er Jahren waren es Verlustbringer und auch in der 1990er Jahren verdiente man damit kein Geld. Deshalb wurden Kapazitäten weltweit reduziert oder nicht hinzugebaut. Nun sind die Anlagen Engpässe, mit denen sich trefflich verdienen lässt. Ob das angesichts des Aufbaus von Kapazitäten in Nah- und Fernost und des zu erwartenden Nachfragerückgangs so bleiben wird, ist ungewiss.

Es ist zu befürchten, dass der alte „Schweinezyklus“ der Ölpreise erneut auftreten wird. Auf „ganz hoch“ folgt „ziemlich tief“, um dann wieder auf „noch viel höher“ zu steigen. An „ziemlich tief“ kann man sich als Verbraucher zwar erfreuen. Man muss sich aber im klaren darüber sein, dass dieser Vorteil später bezahlt werden muss. Denn ein zu tiefer Preis verhindert den Ausbau und den Erhalt der Ölinfrastruktur. Damit ist der nächste Mangel vorprogrammiert. Er wird spätestens beim Anziehen der Konjunktur zu Tage treten. Nach Lage der Dinge wird die Konjunktur zwar deutlich länger am Boden bleiben, als derzeit politisch zugestanden wird. Ein früherer Trendwechsel als in drei bis fünf Jahren wäre eine Überraschung. Daher werden langfristige Nachfrageprognosen, die eine Idee für die Preisentwicklung geben können, deutlich herunterkorrigiert. In Washington geht man heute beispielsweise nicht mehr von einem jährlichen Zuwachs des US-Verbrauchs um 0,8 Prozent aus. Bis 2030 nimmt man nun einen konstanten Verbrauch an. Darüber hinaus wird ein Anstieg der heimischen Förderung prognostiziert, der zu einem Rückgang der Importe führen wird. Weltweit wird damit ein erwarteter Nachfragerückgang unterstützt. Dieser wird die Reservekapazitäten, also die Mengen, die kurzfristig aktivierbar sind, steigen lassen. Die Höhe dieser Kapazitäten ist eine wesentliche Grundlage für die Ölpreise. Ausreichende Reservemengen schützen vor Hochpreisspekulation. Sie provozieren allerdings das Gegenteil, die Tiefpreisspekulation. Die OPEC kämpft aktuell mit dem Dilemma. Selbst wenn die hoch angesetzte Reduzierung der Liefermengen realisiert werden würde, was allgemein bezweifelt wird, verbleiben die Förderkapazitäten als Reserven. Und diese üben nach wie vor einen bärischen Impuls auf die Ölpreise, wohlgemerkt auf die Rohölpreise, aus. Die Preise verfallen weiter. Wirtschaften und Staatshaushalte der Lieferländer geraten in Schieflage. Die Öleinrichtungen verfallen und der „Schweinezyklus“ beginnt von vorn. Kein weitsichtig denkender Mensch kann daran ein Interesse haben. Vernünftig wäre es hingegen, nun einen für alle Seiten sinnvollen Ölpreis auszuhandeln. Der dürfte momentan irgendwo zwischen 60 und 75 Dollar pro Barrel liegen.

Derartige Vernunft und Partnerschaft zwischen allen Abhängigen, die Verbraucher und Lieferanten gleichermaßen sind, ist aktuell nicht angesagt. Angesagt ist weiterer Preisverfall, der heute Morgen auch Gasöl betrifft. Der Dollar hält allerdings dagegen, weil einigen europäischen Ländern die Kreditwürdigkeit abgesprochen wird.

Unsere Heizölpreise geben in weiten Teilen des Landes nach. Lediglich in krassen Engpassregionen, zu denen die südlichen neuen Bundesländer gehören, bleiben die Preise sehr hoch. Es handelt sich hierbei um eine Erscheinung von unbestimmter aber kurzer Dauer. Dass die Heizölpreise die Tiefen der Weihnachtstage wieder erreichen werden, können wir nicht versprechen. Die Möglichkeit, dass sie sogar darunter fallen, halten wir aber nicht für abwegig. Die Lieferbedingungen sind derzeit wetterbedingt schwierig, was verbraucherfreundlichen Preisen nicht förderlich ist. Die Hoffnung auf tiefere Preise sollte nicht die Notwendigkeit zur Senkung des eigenen Verbrauchs vergessen lassen. Schauen Sie hierzu mal auf esytrol.com.

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