Unseren neuen Kommentar für den 07.12.16 finden Sie hier.


Verkehrte Verhältnisse

Europa schlecht, USA gut. Das ist die Zusammenfassung der gestern herausgegebenen Konjunkturdaten. Tendenziell wird die Lage gegenteilig beurteilt. Deshalb sind die gestrigen Zahlen eine Überraschung. Sie sollten die aktuelle Preissteigerung der Ölpapiere beflügeln. Schließlich bestätigen sie endlich einmal die Sehnsucht der Finanzjongleure. Die mussten allerdings aus dem physischen Ölmarkt eine konträre Nachricht hinnehmen. Die US-Bestandsentwicklung gibt weiterhin kein Signal, dass der Benzinkonsum anzieht. So neutralisierten sich die fundamentalen Daten des Tages. Heraus kam eine Preisbewegung, die als technisch motiviert verstanden werden muss. Der Aufwärtsschwung der letzten Tage verliert an Dynamik. Eine Gegenbewegung liegt in der Luft. Insgesamt befinden sich die Ölnotierungen in einem äußerst labilen Zustand. Rohölpapiere sind in einen Aufwärtstrend übergegangen. Heizölpapiere befinden sich gerade noch in den Grenzen einer Seitwärtsbewegung. Aus dieser widersprüchlichen Situation muss der Markt in den kommenden Tagen einen einheitlichen Trend machen.

Die Finanzindustrie arbeitet daran, Öl teurer werden zu lassen. Da sie über die nötigen Mittel verfügt, den Markt zu manipulieren, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie Erfolg haben wird. Selbstverständlich ist ihr Erfolg allerdings nicht. Wenn der Markt weniger Öl benötigt als vorhergesehen, kann das manipulative Entziehen und Horten des Rohstoffs preislich ins Leere laufen. Der Ölpreis würde sinken, weil das Horten nicht zur gewünschten Verknappung führt. Wer glaubt, dass das ein krasser Verlustfall für die Finanzbranche wäre, irrt. Den Verlust zahlen andere. Denn die Finanzakteure haben das gehortete Öl längst zu einem höheren Verkaufspreis besichert.

Das gelingt indem eine der gehorteten Menge äquivalente Zahl Short-Kontrakte gehalten wird. Short-Kontrakte sind ein Versprechen, Öl zu einem zukünftigen, im Kontrakt fixierten Zeitpunkt zu liefern. Der Preis der Lieferung wird mit Kontraktschluss festgelegt. Auf der anderen Seite stehen große Ölverbraucher. Sie besichern den Preis der zukünftig benötigten Ölmenge mit einer entsprechenden Zahl Long-Kontrakte. Typischerweise halten Öllieferanten Short-Kontrakte zur Preissicherung und Ölverbraucher Long-Kontrakte. Hätten diese beiden Gruppen eine identische Markteinschätzung, wäre die Börse überflüssig. Sie könnten die Preise bis weit in die Zukunft bilateral ohne Zutun von Spekulanten aushandeln. Da Angebot und Nachfrage der Zukunft nicht hinreichend einschätzbar sind, werden Mitspieler gebraucht, die bereit sind, das Risiko der unsicheren Marktentwicklung zu übernehmen, die Spekulanten. Natürlich wollen die mit ihrer Spekulation Geld verdienen. Sie beschäftigen sich mit dem Marktgeschehen und entwickeln daraus Ideen und Spekulationsstrategien, die Gewinne versprechen. Die sind innerhalb der Szene sehr unterschiedlich. Deshalb sind Spekulanten zur gleichen Zeit immer unterschiedlich positioniert, sowohl short als auch long. Es gibt aber eine Mehrheitsmeinung. Das ist die Differenz aller Short- und Long-Kontrakte. Diese war bei den institutionellen Spekulanten, Banken und Fonds, in den letzten Jahren hauptsächlich bullisch. Sie hielten also mehrheitlich Long-Kontrakte.

Seit vielen Jahren beschäftigt man sich in der Spekulations- oder Finanzindustrie stärker mit Strategien der Gewinnsicherung als mit dem Markt selbst. Daraus entwickelten sich unter anderem eine komplizierte Finanzmathematik und die für die meisten Kunden nicht verstehbaren Kontrakte. Trotz oder wegen höchster Unverstehbarkeit hat die Finanzindustrie Erfolg. Der ließ sie immer mächtiger werden. Die gewachsene Macht setzt sie politisch und mittlerweile auch physisch ein, indem sie auf der Seite der Verbraucher und Lieferanten tätig wird. Sie handelt nicht nur mit Ölpapieren. Sie handelt mit physischem Öl. Dabei agiert sie genauso wie die klassischen oder natürlichen Marktteilnehmer, sie besichert ihre Geschäfte mit Ölkontrakten. Das kann sie aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Fähigkeiten sogar besser als die „Natürlichen“. Ihre Aufgabe versteht sie aber nicht als eine den Markt unterstützende nach dem Motto, geht es dem Markt gut, geht es mir als Marktteilnehmer gut. Sie versteht sie als eine parasitäre, den Markt ausnutzende Aufgabe. Wenn der Markt dabei kaputt geht, wird ein neuer angegriffen.

Der Ölmarkt ist noch nicht kaputt. Er ist aber manipuliert. Dass diese Manipulation auch in den wöchentlichen US-Bestandsdaten Ausdruck findet, liegt auf der Hand. Wie groß sie ist, wissen wir nicht. Möglicherweise können DOE (Department of Energy) und API (American Petroleum Institute) das auch nicht beziffern. Und so werden ihre Zahlen weiterhin als ordentliche Verortung der Marktlage verstanden. Aktuell lauten sie:

Rohöl: -2,8 Mio. Barrel (DOE) bzw. -0,8 Mio. Barrel (API)
Heizöl und Diesel: +2,2 Mio. Barrel (DOE) bzw. +1,1 Mio. Barrel (API)
Benzin: +0,7 Mio. Barrel (DOE) bzw. +2,3 Mio. Barrel (API)

In Summe ergibt sich ein Aufbau von 0,1 (DOE) bzw. 2,6 (API) Mio. Barrel. Die US-Importe sind geringer als in der Vorwoche und höher als im Vorjahr. Die Raffinerieauslastung beträgt 91 Prozent. Das ist deutlich mehr als hierzulande. Teile der Produktion werden mittlerweile nach Übersee verkauft. Die USA entwickeln sich von einem Benzinimportland zu einem Dieselexportland. Die US-Bestände verharren auf Rekordniveau.

Heute Morgen macht die Preisbildung einen chaotischen, richtungslosen Eindruck. Es ist offen, wohin der Markt drehen wird. Die Tonne Gasöl kostet 685,50 Dollar. Das Barrel Rohöl kostet in New York 82,32 Dollar. Der US-Dollar wird zu 76,11 Eurocent gehandelt.

Unsere Heizölpreise zogen in den letzten Tagen deutlich an. Aktuell verlieren sie etwas an Zugkraft. Ob der Aufwärtsdrang damit ausgestanden ist, vermögen wir nicht zu sagen. Die Grundlagen für weiter anziehende Preise sind definitiv nicht vom Tisch. Auf der Gegenseite sind die Aussichten für nennenswert billigeres Heizöl außerordentlich beschränkt. Preise unterhalb der Julitiefs halten wir in absehbarer Zeit für nicht erreichbar. Im Übrigen sind wir der Meinung, dass es mehr denn je angebracht ist, sich mit der Reduzierung des eigenen Verbrauchs zu beschäftigen. Dazu empfehlen wir www.esytrol.com.

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